Vatikan-Wissen, was nicht immer stimmt. Anmerkungen zum Expertentum

von Dr. Franz Norbert Otterbeck

Aus aktuellem Anlass ist überdeutlich geworden, dass selbst Wissende in Vatikanfragen sehr bald an ihre Grenzen stoßen. Erzbischof Simon von Clermont in Frankreich hatte allen Anlass, dazu aufzurufen, dass Journalisten auch in diesem Bereich die Fachsprache erläutern müssen. Aber das Glatteis ist ziemlich glatt, auch bei Experten. Untersuchen wir ein Beispiel, das älter ist als die heutige Debatte. Der katholische Verlag No. 1 will HERDER-Wissen liefern, das stimmt. Ein guter Vorsatz und eine gescheite Idee. Aber auch stets zuverlässig? ZDF-Papst-Experte Jürgen Erbacher hatte das Projekt zum Thema „Vatikan“ unternommen, nüchterner und loyaler als es, sogar fast gleichzeitig, SPIEGLER Smoltczyk mit „Vatikanistan“ tat. Ein Kleinkrieg unter den Vaticanisti? Mitnichten, Erbacher zielt auf die Papstfreunde, die es sachgerecht mögen und weniger „humorig“ süffisant. Auf weite Strecken hält das preisgünstige Bändchen, was der Titel verspricht. Aber eben leider nicht immer. Gehen wir ausnahmsweise mal ins Detail. Der Reihe nach ist zum Erbacher-Wissen zumindest das anzumerken:

S. 9 ff.: Der Verfasser scheint den päpstlichen Primat noch weniger zu mögen als seinerzeit der deutschnationale Döllinger (1870). Die Legende von der allzu allmählichen Evolution der „Deutung“ Petri als Fels der Kirche gehört in kein Vatikanbuch, also auch nicht die Relativierung von Mt. 16,18 (S. 12). Die Problematik kann nämlich so knapp nur missverständlich erläutert werden.

S. 15: Die Übersetzung von „Pontifex“ als „Bischof“ ist mehr als unglücklich. Pontifex maximus ist der Höchste Priester, oberhalb der Oberpriester (Bischöfe), sowohl beim römischen Vorbild wie in der Kirche. Auch sollte man sagen, dass das Petrusgrab seit dem 2. Jh. ganz sicher (!) verehrt wird, vermutlich sogar länger. Es ist nicht erst im 2. Jh. (nur?) kultisch begründet worden (S. 17).

S. 19: Das italienische „Garantiegesetz“ war kein faires Angebot. Die Motive Pius IX. für die Zurückweisung 1870 müssten wenigstens kurz angedeutet werden. (Zur Papsthymne gibt‘s übrigens schon länger einen italienischen Text, S. 27. Seien wir aber nicht zu kleinlich.)

Ärgerlich ist auf S. 33 die Darstellung als verhandelten beide Sektionen des Vatikans mit den Staaten. Die erste, vom Substitut geleitet, ist aber die für allgemeine Kirchenfragen da. So spielt die Vorliebe des Autors für Macht und Politik ihm offenbar einen üblen Streich.

Auf S. 42 wird das Ergebnis des Caroline-Prozesses schlicht verschwiegen. In jede Jura-Klausur gehört am Schluss das Ergebnis mit hinein. Wohltuend aber, dass Erbacher sich auf S. 61 gegen die Legende wendet, die Uniformen der Schweizergarde seien von Michelangelo entworfen. Ärgerlich wieder, dass zwar kolportiert wird, der Vatikan habe zweifelhafte Pharma-Aktien gehabt (S. 69!), aber Erbacher nicht die Größe aufbringt zu erwähnen, dass diese alsbald abgestoßen wurden.

Den schwersten Fehler begeht der Möchtegern-Politiker Erbacher aber auf S. 75: Der Papst ist alles andere als ein „absoluter Monarch“, wiewohl er sein Amt stets frei ausüben kann. „Absolut“ ist seine Souveränität über den Vatikanstaat (schön, dass der Verfasser die Wappen-Unterschiede zwischen Apostolischem Stuhl und Vatikan offenlegt!). Im kirchlichen Dienst ist der Papst alles andere als „losgelöst“ von Tradition, apostolischer Sukzession und bischöflichem Kollegium. Das wird dann bald im Text auch eingeräumt, aber allzu ungenau. Wiederum: Kein „politischer“ Sinn des ZDF-Vertreters für den geistlichen Sinn des Papsttums!

Dass Leo XIII. noch die Religionsfreiheit „verurteilte“, das ist mir unbekannt (S. 77). Bezog sich das auf Pius IX. und den Syllabus von 1864? Kein Begriff ist so schwierig wie der von der Religionsfreiheit. Das gilt aus theologischer, aus staatsrechtlicher und moralischer Perspektive. Hier muss auch ein schmales Info-Buch viel viel genauer argumentieren. Oder schweigen.

Auf S. 82/83 folgen weitere, irritierende Aussagen über angebliche „Senate“ der Kirche. Das Kardinalskollegium ist zwar der „Quasi“-Senat des Papstes, aber keiner der Kirche. Auch die Bischofssynode ist ein Organ, das der Ausübung des päpstlichen Primats zugeordnet ist, nicht der Kollegialität (deren Wirklichkeit ist vielmehr der alltägliche Zusammenhang zwischen allen Bischöfen, nicht der besondere Akt), wiewohl sie dem echt-kollegialen Zweck des Primats dienen soll. Das tut sie seit 1967 übrigens, trotz aller Mühsal, weit effizienter als es, durch das offenkundige Fehlen von „Kampfabstimmungen“, dem Demok(r)atholiken erscheinen mag.

S. 91: Der feierliche Amtsantritt des Papst war früher die Krönung, nicht die „Inthronisation“. Papst wird man durch Annahme der rechtgemäßen Wahl (nicht einmal durch die Wahl selbst; wichtig im Fall von Papst Alexander VI.); jede angenommene Wahl gilt dabei als rechtmäßig, es sei denn sie führt ins offene Schisma.

S. 97: „Mein Freund Harvey?“ Leider erweckt Erbacher den Eindruck, als könne man bei Erzbischof Harvey mit ziemlicher Sicherheit eine Audienz beim Papst erringen. Na ja.

S. 101: Rund um das Thema „global player“ verdichtet sich abermals das Hauptproblem der Art, wie Erbacher die Welt sieht. Gigantische „Spiele“, die da gezockt werden. Da unterscheidet sich seine Sicht der Dinge leider nur wenig von dem mancher, mitunter sogar sympathischer „VATICAN-Fundis“ (vgl. Smoltczyk, S. 200), wenn auch sozialliberaler eingefasst.

Leider, leider endet das Buch fahrig und verlegen und ohne Fazit. Jürgen Erbacher hat schließlich keine Botschaft! Kein Kommentar.