Worauf es beim Glauben ankommt

 

Foto: Lutz Lienenkämper, Vorsitzender CDU im Rhein-Kreis Neuss, Willibert Pauels und Dieter Welsink, Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion (Aufnahme: Christian Dick)

 

Ministerpräsident a. D. Bernhard Vogel, der Aachener Bischof Heinrich Mussinghof, der Neusser Kreisjugendseelsorger Marcus Bussemer und Hermann Gröhe in seiner Funktion als Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands, dies sind einige der bisherigen Referenten in der seit dem Jahre 2003 stattfindenden Veranstaltungsreihe „Leitplanken“ der CDU des Rhein-Kreises Neuss. In diesen Reigen reihte sich am 27. März  Diakon Willibert Pauels ein.

Zuvor wurde – traditionell ein wesentliches Element der Veranstaltung „Leitplanken“ – in der evangelischen Christuskirche durch den Gemeindepfarrer Professor Dr. Jörg Hübner von der evangelischen Kirche und den katholischen Neusser Kreisdechanten  Monsignore Guido Assmann eine ökumenische Vesper gehalten. Guido Assmann hob in seiner Predigt hervor, dass jeder Mensch Talente habe. Diese seien unterschiedlich verteilt, so könne zum Beispiel der eine besonders gut reden und der andere gut schreiben. Es gebe Menschen, die eher für sich leben wollten und sich aus eigenen Stücken für ein Leben als Alleinstehender entschieden, andere hingegen entschieden sich für ein Leben in Gemeinschaft. Niemand könne jedoch völlig zurückgezogen leben und erklären, die Gesellschaft gehe ihn nichts an. Entsprechend seiner jeweiligen Aufgaben, habe jeder Mensch Verantwortung. Die Politiker, insbesondere dann, wenn sie für christliche Werte stünden, hätten eine besondere Verantwortung. Jeder Mensch müsse seine Talente nutzen und dürfe sie nicht brach liegen lassen. Assmann griff das Gleichnis vom Weizenkorn auf. Wenn dieses in die Erde falle und sterbe, bleibe es allein; wenn es aber sterbe, bringe es reiche Frucht.

Der Vorsitzende der CDU im Rhein-Kreis Neuss, Staatsminister a.D.  und Landtagsabgeordnete Lutz Lienenkämper erklärte bei seiner Vorstellung des Redners im Neusser Zeughaus: „Als Gast und Referenten begrüßen wir in diesem Jahr Herrn Diakon Willibert Pauels, der früher am Collegium Marianum in Neuss tätig war. Er ist ein fachlich kompetenter und sicher auch unterhaltsamer Referent, ist er doch als ‚ne bergische Jung’ aus dem rheinischen Karneval gut bekannt. […] Er ist ein Botschafter der guten Laune und der rheinischen Lebensart in der Kirche.“

Lienenkämper erläuterte die Beweggründe, die zu dieser Veranstaltungsreihe geführt haben. „Die Veranstaltungsreihe ‚Leitplanken’ ist dem Nachdenken über die Verwurzelung unserer politischen Arbeit in christlichen Überzeugungen und unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen gewidmet.“

Willibert Pauels Thema „Mit dem Glauben ist nicht zu spaßen“ führt zunächst dazu, dass man auf den Boden der Tatsachen kommt  und über den Grundgehalt des Glaubens nachdenkt. Dann kommt die Befürchtung, dass der Referent dieses Thema wohl mit dem erhobenen Zeigefinger vortragen wird und den Zuhörern eine moralische Lehre erteilen will.  Doch wer Willibert Pauels kennt, der weiß, dass aus ihm nicht der Oberlehrer spricht, sondern dass er selbst schwierige Glaubensfragen auf geistreiche und pointierte Weise darstellt, dass es selbst für kirchenkritische Menschen eine Bereicherung ist, ihm zuzuhören.

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  „Mit dem Glauben hört der Spaß auf“ und „Mit dem Glauben fängt der Spaß erst an“, diese beiden Gegensätze können laut Pauels beide ihre eigene Bedeutung entfalten, abhängig vom situativen Kontext. So höre der Spaß beim Glauben auf, wenn es sich nur noch um Comedy, eine oberflächliche Reizreaktionsgeschichte oder einen Gag handele. Auch der Ballermann-Karneval sei eine Abart des Karnevals.

 Der Begriff „Symbol“ stehe für das Göttliche, führte Pauels weiter aus. Das Gegenteil werde durch den Begriff „diabolisch“, also teuflisch, ausgedrückt. Das Teuflische bedeute Spaltung. „Wenn wir uns spalten lassen, sind wir diabolisch“, erklärte er weiter.

Beispielhaft für solche Gegensätze nannte Willibert Pauels die Veranstaltung „Kabarett am Minarett“ am vorangegangenen Freitag im Gemeindesaal der Moschee in Duisburg-Marxloh, einem Stadtteil der für „Parallegesellschaft pur“ stehe. Die erste Vorsitzende des dortigen Diyanet-Türkisch-Islamischen Kulturverein e. V., Zehra Yilmaz, habe evangelische Theologie studiert. Ihre Stellvertreterin sei katholisch und Mitglied der CDU. Sein Freund, der Kabarettist Jürgen Becker, den er als „agnostischen, liebenswerten Drecksack“ bezeichnete, habe ihn gefragt, ob er bei diesem Abend mitmache, aber nicht an eine Zusage geglaubt. Willibert Pauels hat jedoch mitgemacht. Im Publikum seien zu 70 Prozent Bildungsbürger gewesen und zu etwa 30 Prozent Muslime. Pauels ist dann mit Pappnase aufgetreten. Das Publikum im Saal habe einen riesen Spaß gehabt. Er habe dann das Lied „Heidewitzka, Herr Kapitän“ angestimmt. Da dies der Freitagabend gewesen sei, habe von oben der Muhezzin gestartet und zum Freitagsgebet gerufen. Diese zwei Klangwolken hätten sich nicht spalten lassen. Sie hätten sich vielmehr ergänzt und ein wunderschönes Klangbild abgegeben.

 Freude, auch im Leid

Foto: Willibert Pauels verkleidet als „Ne Bergisch Jung“ (Aufnahme: Christian Dick)

Laetare, oder auf Deutsch „Freue Dich“ – so ist der vierte Fastensonntag überschrieben. Dieser Tag heiße auch „Rosensonntag“ und es gebe die Deutung, so Pauels, dass der Rosenmontag nach der Blume benannt und an den Rosensonntag angelehnt sei. Noch im vorletzten Jahrhundert sei der Papst an diesem Tag auf die Loggia der Lateranbasilika gegangen und haben den Gläubigen eine goldene Rose gezeigt. Die Römer hätten dann gejubelt und getanzt, sie hätten in der Fastenzeit noch einmal Karneval gefeiert. An diesem Tag werde das dunkle Lila der Messgewänder in der Fastenzeit mit der Farbe Weiß gemischt, so dass an diesem Tag die Messgewänder rosa seien. Dies deute schon darauf hin, dass dieser Tag ein Grund zur Freude sei. In einigen Nachbarländern Deutschlands herrscht an diesem Tag eine Stimmung, wie an Karneval. Dies gilt auch für Ostbelgien, wo Pauels am vierten Fastensonntag, dem 18. März 2012, vier Tage nach dem schweren Unglück eines belgischen Reisebusses in der Schweiz, war. Bei der Rede, die er gehalten hat, war die Stimmung gedämpft. Trotzdem hat er seine Pappnase aufgesetzt. Man könne  auf Grund des Glaubens auch im Leid noch Hoffnung haben oder, wie es bei Romano Guardini heiße, „Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten.“.

Willibert Pauels verwies auf seinen Freund, den Psychiater und Theologen Dr. Manfred Lütz. Dieser habe erklärt, dass man die Patienten nie direkt fragen dürfe, warum sie depressiv seien. Ein depressiver Mensch, der nur seine Angst und das Dunkel sehe, müsse dazu gebracht werden, das Helle zu sehen. Trotz oder gerade wegen des großes Leides, das die Juden erfahren hätten, habe sich der jüdische Witz so gut entwickelt. Willibert Pauels erzählte folgenden jüdischen Witz „Ein evangelischer Pastor, ein katholischer Priester, und ein jüdischer Rabbi wollen einen Bären bekehren, weil jeder behauptet, sein Glauben sei der beste. Der Pastor fängt an, geht zu dem Bären in die Höhle, liest ihm aus der Bibel ein paar schöne Geschichten vor, der Bär wird ganz ruhig, hört sich alles an und will danach noch mehr aus der Bibel hören. Ja, sagt der Pastor, bei uns wird jeden Sonntag aus der Bibel vorgelesen. So wird der Bär evangelisch. Der Priester geht zum Bären in die Höhle, sagt ihm, dass er ihn von allen bösen Träumen der Dunkelheit befreien kann. Wie das? fragt der Bär. Der Priester taucht die ganze Höhle in gut duftenden Weihrauch und kühlt den Bären mit Weihwasser. Prima, sagt der Bär, das gefällt mir. Der Rabbi geht zum Bären und beginnt Gebete und allerlei Unverständliches zu reden. Nach einiger Zeit hört man laute Schreie und noch lauteres Gebrüll, offenbar einen Kampf. Der Rabbi kommt aus der Bärenhöhle gelaufen, total zerfetzte Kutte, blutiges Gesicht, zerkratzte Arme und Beine – der Rabbi läuft um sein Leben – der Bär hinterher. Als sich die Szene beruhigt hat, fragen die anderen beiden den Rabbi: Mensch Kollege, was war denn los? Sagt der Rabbi: Ich hätte vielleicht doch nicht mit der Beschneidung anfangen sollen.“ Und Dietrich Bonhoeffer, so Pauels, habe im KZ kurz vor seinem Tod noch das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ geschrieben.

Perspektivwechsel erforderlich

Pauels Fazit lautete, dass es immer auf die Perspektive ankommt, aus der man eine Situation betrachtet. Einem Flyer mit dem Satz „Wenn Sie Kunst, Philosophie und Wissenschaft haben, brauchen Sie keine Religion“ der leidenschaftlich atheistischen Gemeinschaft Giordano-Bruno-Stiftung hält Pauels daher entgegen, dass nach dieser Auffassung der Mensch nichts anderes als ein Zellhaufen sei, der biochemisch reagiere und wenn Eltern ein Kind liebten, sei dies nichts anderes als ein elektromagnetischer Prozess in limbisches Gehirnsystem der Eltern und nach dem Tod komme man als Staub zurück in den Kosmos. Selbst ein Agnostiker müsse in diesem Falle einen Widerstand spüren, so Pauels.

Christian Dick