Die Politik und der reformatorische Gedanke

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Foto: NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin und die Superintendentin der Evangelischen Kirche Düsseldorf Henrike Tetz (Aufnahme: Christian Dick)

Autor: Christian Dick

Zugegeben, dieses Thema mag zunächst etwas sperrig klingen, aber das, was der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin bei der Feier des Reformationstages der Evangelischen Kirche daraus machte, war ein sehr dynamischer Appell, die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft zu bewahren und zu verteidigen, denn, so der Minister, „Wirtschaftspolitik geht nicht ohne Sozialpolitik, das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Man kann nicht das eine ohne das andere denken.“ Hier sei er sich seinem Kabinettskollegen Arbeits- und Sozialminister Guntram Schneider vollkommen einig.

Duin, der aus Emden ist Ostfriesland kommt und, wie er bekundete, aus einer gläubigen Familie kommt, in deren Hause der evangelische Pastor ein- und ausging, griff einen Gedanken  aus der vorhergehenden Ansprache in der Andacht von Superintendentin Henrike Tetz auf. Diese hatte erklärt, dass man sich Gedanken machen müsse, wie unterschiedliche Stadtkulturen miteinander ins Gespräch kommen könnten und wie der Religionsfriede in Düsseldorf gelebt werden könne. Tetz sagte „Mit ihrem Reden und mit ihrem Tun, und auch mit ihrem schlichten Dasein hält die Kirche die Erinnerung wach an die Vision von einer zukünftigen Stadt des Friedens.“ Es sei heute ein Problem, wie man Arme und Reiche unter ein Dach bringen könne, führte Duin aus.

Duin stützte sich im Folgenden auf den Reformator Johannes Calvin, der zu einer Zeit gelebt hat, als Armut und Bettelei an der Tagesordnung standen, wobei jedoch eine nachhaltige Besserung der Situation der Menschen in prekären Verhältnissen durch die klassischen Mittel wie Almosen oder Eintritt ins Kloster nicht erreicht wurde. Duin erklärte, dass Calvin laut Professor Matthias Freudenberg auf „das Recht auf gerechte Entlohnung, da Gott die Rücksicht auf die Not jedes Einzelnen geboten habe“, verwiesen habe. Duin prangerte in diesem Zusammenhang Auswüchse des Kapitalismus, was sich etwa durch Zahlungen von Boni, die ungerechtfertigt seien oder Unternehmen, die ausschließlich auf schnellen Profit hin orientiert seien, sogenannte „Heuschrecken“, zeige. Wer sich nur den materiellen Gewinn kümmere, so Duin, sein in der Augen der Bibel ein Narr.

Chancengleichheit

Der Staat muss laut Duin die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass alle Menschen mit ihren eigenen Leistungen die gleichen Chancen des Aufstiegs haben.

Duin machte deutlich, dass Calvins Theologie einen fundamentalen Beitrag zur Reform des Lebens in den Bereichen des Sozial-, Bildungs- und Staatswesens sowie der Wirtschaft geleistet hat.

Eigentum bedeutet Verantwortung

Duin legte dar, dass Calvin das Eigentum als legitim erachtet habe, aber auch deutlich gemacht habe, dass damit auch soziale Pflichten des Eigentümers einhergehe. Wenngleich es Calvin als gemeinsames Kriterium aller Menschen angesehen habe, dass sie Kinder Gottes seien, die durch eine gemeinsame Teilhabe an der communio sanctorum zusammengeschweißt seien, so habe Calvin keineswegs die Schlussfolgerung politisch-rechtlicher oder gar wirtschaftlich-sozialer Gleichheit gezogen. Die Wirtschaftsethik Calvins fußt laut Duin ausschließlich auf der Freiwilligkeit der Hilfe gegenüber den Nächsten aus Furcht vor dem Endgericht Gottes, nicht auf gegenseitigen Rechten und Pflichten der Menschen.

Calvin in Zeiten der Wirtschaftskrise

Duin zitierte folgende Passage aus einem Beitrag von Professor Matthias Freundenberg in der Basler Zeitung  „Und in der globalen Wirtschaftskrise, für linke Denker die lange ersehnte Götterdämmerung der freien Marktwirtschaft, gerät auch das Bild Calvins als theoretischer Ahnherr des Kapitalismus ins Wanken. „Dass der Calvinismus der geistige Nährboden war, auf dem der moderne Kapitalismus entstehen und gedeihen konnte, ist eine Vergröberung der Thesen Webers“, urteilt Ulrich H.J Körtner, Theologe an der Universität Wien.“ (Jan-Dirk Herbermann, Calvin – „Der Taliban von Genf, Basler Zeitung, 10.07.2009)

Beherzigung der 10 Gebote

Eigentlich sei in den zehn Geboten der Bergpredigt schon alles enthalten für ein gedeihliches Zusammenleben. „Die Gebote sind keine Fesseln, sie verlangen die Freiheit, aber eine Freiheit in Verantwortung“. Das 8. Gebot hob Duin als zentral hervor. Gott gebiete hier den Menschen im achten Gebot, überall und jederzeit die Wahrheit zu sagen und die Taten des Nächsten wenn immer möglich positiv auszulegen, damit ein vertrauensvolles Zusammenleben unter den Menschen möglich wird.

„Die ganze Friedensbewegung hätte nicht den Erfolg gehabt, wenn sie sich nicht auf die Bergpredigt hätte beziehen können. In der Umweltpolitik, also der Wahrung der Schöpfung, war es ähnlich“, unterstrich Duin.

Für ihn persönlich gebe es auch politische Entscheidungen oder Gesetzgebungsverfahren, „bei denen mein christlicher Hintergrund ausdrücklich eine gewichtige Rolle gespielt hat“. Zum Beispiel wenn es um Lieferketten und Warenbeschaffung und deren ethische und ökologischen Aspekte gehe.

Bei ethischen Fragen stützt sich Garrelt Duin auch auf den Rat von Theologen. Dies war zum Beispiel während seiner Zeit als Europaparlamentarier der Fall. Damals stand die Stammzellenforschung auf der Agenda.

Die Rolle, die die Kirchen seiner Ansicht nach im Verhältnis zur Politik spielen sollten, machte Duin abschließend klar: „Sie sollen nicht selbst Politik machen, aber sie sollen Politik möglich machen. Sie müssen klar machen, was verantwortungsvolles Handeln ist, zum Beispiel in der Finanzkrise“.