Archiv für den Monat: Mai 2015

Käutner-Preis für Ulrich Tukur

Autor: Christian Dick

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Foto: Gruppenfoto der Preisverleihung am Abend: (von links) Filmmuseumsdirektor Bernd Desinger, Kulturdezernent Hans-Georg Lohe, Oberbürgermeister Thomas Geisel, seine Frau Vera, Jurymitglied Cornelia Mohrs Käutner-Preisträger Ulrich Tukur, seine Frau Katharina John, Jurymitglied Karin Trepke, Laudator Dr. Michael Verhoeven und Jurymitglied Ruth Schiffer.(Quelle Landeshauptstadt Düsseldorf – Ingo Lammert)

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Foto: Gruppenfoto von der Pressekonferenz am Vormittag: (von links nach rechts) Filmregisseur Dr. Michael Verhoeven, Ulrich Tukur, der Direktor des Düsseldorfer Filmmuseums Bernd Desinger, der Düsseldorfer Kulturdezernent Hans-Georg Lohe und der 1. Bürgermeister Fritz Conzen (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: Ulrich Tukur (Aufnahme: Christian Dick)

Der Film- und Theaterschauspieler Ulrich Tukur wurde am Freitag, 29. Mai, mit dem Helmut-Käutner-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wurde zum 14. Mal vergeben. Oberbürgermeister Thomas Geisel überreichte den Preis bei einem Festakt im Rathaus. Er würdigte Tukur als „Mimen von besonderer Art“. „Einen Charakterdarsteller zeichnen wir mit der Vergabe des Käutner-Preises der Landeshauptstadt Düsseldorf aus, der uns in seinen Filmen, im Fernsehen als Tatort-Ermittler und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu begeistern weiß. Persönlichkeiten stellt Ulrich Tukur eindringlich vor, die uns unversehens ins Phantasieren und Nachdenken führen. Wie scheinbar leicht ihm das von der Hand geht, offenbart seine große Kunst“, sagte das Stadtoberhaupt.

„Im Film wie ein Fisch im Wasser zu Hause“

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Foto: Bernd Desinger und Ulrich Tukur (Aufnahme: Christian Dick)

Ein vor Freund strahlender Bernd Desinger, Leiter des Düsseldorfer Filmmuseums war bei der vorangegangenen Pressekonferenz zu erleben. Dieser verwies auf Ulrich Tukurs ausgezeichnete Verkörperung des Willi Graf, eines Mitglieds der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ während des Nationalsozialismus, in dem Film „Die Weiße Rose“ aus dem Jahre 1982. Weiterhin nannte Desinger den Film „Mutters Courage“ aus dem Jahre 1994, in der Ulrich Tukur einen SS-Offizier darstellt, der sich in diesem Film, der im Jahre 1944 spielt, über die mutige Elsa Tabori, Mutter des Autors dieses Films George Tabori wundert. Diese ist unbeirrt und frönt ihrem Hobby dem regelmäßigen Rommé-Spielen mit Freundinnen in Budapest. Die Gefahr, von den Nationalsozialisten auf der Straße gefangen genommen und deportiert zu werden, interessiert sie dabei wenig. Und eines Tages wird Elsa Tabori  wirklich verhaftet. Sie wird zu einer Sammelstelle für die Deportation gebracht. Am Budapester Westbahnhof soll sie mit anderen jüdischen Menschen nach Auschwitz gebracht werden. Auf einem grenznahen Umschlagsplatz wehrt sich Elsa Tabori gegen die Entführung und spricht den befehlshabenden SS-Offizier an, der von Ulrich Tukur dargestellt wird. Sie gibt vor, im Besitz eines Schutzpasses des Schwedischen Roten Kreuzes zu sein. Auf Grund dieses Pass ist eine Deportation verboten. Sie habe ihn nur nicht dabei erklärt Elsa Tabori. Die SS-Männer drohen ihr mit Erschießung, doch das Wunder geschieht: Der SS-Offizier ist so überrascht über die Courage der Elsa Tabori, dass er sie in die Freiheit entlässt. Elsa Tabori darf wieder nach Budapest zurück und kommt somit noch zur vereinbarten zum Romméspiel mit ihren Freundinnen. Beide Filme hat Ulrich Tukur unter der Regie von Michael Verhoeven gedreht.

„Ulrich Tukur ist im Film wie ein Fisch im Wasser zu Hause, auch im Theater, aber auch in der Musik mit seiner Band, den „Rhytmus Boys“. Der Käutner-Preis ist geht damit an einen Schauspieler mit spezieller Filmreiche, auch im Tatort“, hob Bernd Desinger hervor.

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Foto: Laudator Dr. Michael Verhoeven (Aufnahme: Christian Dick)

Die Laudatio im Rahmen der Preisverleihung hielt der Regisseur Dr. Michael Verhoeven. Ulrich Tukur reagierte erfreut auf den Preis: “ Was für eine Freude eine Auszeichnung zu erhalten, die sich mit dem Namen eines der größten deutschen Filmregisseure verbindet! Als einer der wenigen hat sich Käutner selbst während der nationalsozialistischen Diktatur eine erstaunliche künstlerische Unabhängigkeit bewahrt und noch in der Apokalypse des zu Ende gehenden Krieges filmische Meisterwerke von großer Menschlichkeit geschaffen. Vor allem seine 1944 entstandene Produktion ‚Unter den Brücken‘ hat mich zutiefst beeindruckt, kein anderer deutscher Film ist mir je so ans Herz gegangen. Er ist der Beweis, dass wir einmal einen Regisseur besaßen, der den großen realistischen Filmkünstlern seiner Zeit, der einem Jean Renoir oder Marcel Carné in nichts nachstand.“

In der Begründung der Jury heißt es: „Ulrich Tukur gehört zu den herausragenden Schauspielern Deutschlands. Seit den achtziger Jahren verkörpert er überzeugend oftmals widersprüchliche Männerfiguren in deutschen und internationalen Filmproduktionen. In seiner Zusammen-arbeit mit wichtigen Regisseurinnen und Regisseuren gelingen ihm immer wieder Charakterdarstellungen von bleibender Wirkung. Mit großer Präsenz und Vitalität hat UIrich Tukur das deutsche Kino, Theater und Fernsehen geprägt. Er liebt das schauspielerische Risiko, ganz besonders in historischen Rollen, und setzt sich damit bewusst in Beziehung zum Werk von Helmut Käutner.“

Ganz natürliche Ausstrahlung

Im Rahme eines Pressegespräch mit Ulrich Tukur und Michael  Verhoeven am Vormittag des 29. Mai war besonders beeindruckend, dass Tukur ein Mensch ist, der, trotz seiner beachtlichen Karrieren, wirklich keiner Starallüren hat, sondern vielmehr ganz und gar bodenständig ist.

Liebe zu Düsseldorf

Sein Herz, so macht er deutlich, schlägt ganz und gar für Düsseldorf. Dies liegt einmal an seiner Bewunderung für Gustav Gründgens, den er als einen Großen des Deutschen Theaters bezeichnete, und für Heinrich Heine. Letztgenannten beschrieb er als einen herausragenden deutschen Schriftsteller und Poeten, der Licht als Dunkel gebracht habe und ein „Hellseher“ gewesen sei. Und schließlich zollt er auch noch Helmut Käutner seinen großen Respekt. „Mit diesen drei Menschen ist mein Empfinden für Düsseldorf verbunden“, erklärte Tukur und fuhrt fort „Ich mag die Düsseldorfer Altstadt sehr. Wenn ich mit meinen Jungs in Düsseldorf im Theater aufgetreten bin, waren die Häuser immer voll. Köln ist da nicht so. Köln ist sich irgendwie selbst genug. Und ich bin ein großer Verehrer der japanischen Küche, die man hier in Düsseldorf genießen kann.“

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Düsseldorfer Jazz Rally 2015 war Publikumsmagnet

Autoren: Christian Dick und Rolf Keller

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Foto: Das Konzert der Band „Heavytones“ im Schlösser Quartier Bohème war ein starker Act bei der Düsseldorf Jazz Rally 2015 (Foto: Rolf Keller)

Die 23. Düsseldorfer Jazz Rally an Pfingsten war wieder ein ganz besonderes Highlight im Jahreszyklus der Düsseldorfer Kulturszene. Es zeigte sich diesmal ganz besonders deutlich, dass diese Veranstaltung generationenübergreifend die Menschen anzieht. Dies liegt vor allem daran, dass viel Musik aus dem Cross-Over-Bereich, also aus Musikrichtungen die dem Jazz angelehnt sind, dargeboten worden ist, die insbesondere junge Menschen angezogen hat. Zu erwähnen ist hier die Band „Heavytones“ aus der Show „TV Total“ von Stefan Raab, die am Freitag, dem 22. Mai, 850 in den Henkel Saal im Schlösser Quartiere Bohème in der Ratinger Straße lockte.

400 Musiker aus über 30 Ländern zelebrierten gemeinsam das größte deutsche Jazz Festival. Das Publikum der Jazz Rally macht insgesamt einer sehr angenehmen Eindruck. Den Besuchern ging es darum, gemeinsam Freude zu haben. Die friedliche Atmosphäre bei allen Konzerten war wieder sehr beeindruckend. Erneut zog die Rally über 300.000 Besucher in die Stadt. Es fanden 72 Konzerte auf 30 Bühnen statt. Die Mischung aus internationalen, nationalen, lokalen und Nachwuchs-Bands bei der Düsseldorfer Jazz Rally ist in dieser Weise einmalig.

Besondere starke Acts waren die Frank Sinatra Tribute Band, die Band „The Brand New Heavies“, das Christian McBride Trio und das Abschlusskonzert der in den 1980er Jahren mit dem Hit „Half a minute“ bekannt gewordenen Formation „Matt Bianco“.

Außerdem sollte sich man sich den Namen der Band „Venusbraas“ gut merken. Diese trat am Samstag, 23. Mai, am Köbogen und am Sonntag, 24. Mai, im Audi Zentrum Düsseldorf, Oberbilker Allee, auf. Die preisgekrönte Marching-Showband aus Berlin, brillierte als mitreißender wie herziger Lady-Showact mitten im Publikum sowie auf der Bühne. Strahlende Energiebündel sind die fünf Musikerinnen, die mit perfektem Spiel auf Saxofon, Posaune, Tuba und Drums eine charmante, mitreißende Powerperformance nach der anderen aufs Parkett legen. Gewürzt mit ausgefeilter Choreographie und einer Prise Slapstick. Die Band besteht aus Tuba, voc., Bandleaderin: Bettina Wauschke,  Snare/Bassdrum, voc.: Katrina Martinez, Snaredrum, voc.: Lizzy Scharnofske, Posaune, Melodica, voc.: Tanja Becker und Saxofon: Kati Brien. Weitere Information finden Sie unter folgender Internetadresse: http://www.venusbrass.de/

Auch Pfingsten 2016 wird wieder gejazzt.

Die Destination Düsseldorf (DD), Veranstalter des größten deutschen Jazz Festivals, zieht eine überaus positive Zwischenbilanz der 23. Düsseldorfer Jazz Rally. Bei guten Wetterbedingungen zog die Musik wieder mehr als 300.000 Besucher in die Innenstadt.  Das neue musikalische Konzept und das erweiterte Ticketsystem mit Tages- und Reservierungstickets wurde positiv aufgenommen. Auch weitere Neuerungen wie die Jazz Rally-App und die Jam Session mit hochkarätigen Musikern kamen gut an.

Boris Neisser (DD): „Es war erneut eine tolle und niveauvolle Atmosphäre im Umfeld aller Konzerte. Die positiven Reaktionen des Publikums zeigen uns, dass das überarbeitete Konzept der Jazz Rally voll funktioniert hat. Großer Dank gilt unseren zahlreichen Partnern und Sponsoren wie der Sparda Bank West und der Brauerei Schlösser, ohne die wir dieses große Festival nicht feiern könnten.“  Ein besonderer Dank gilt auch der ausführenden Agentur Schlieter & friends für den erneut absolut reibungslosen Ablauf aller bisherigen Auftritte.

Viele Konzert-Highlights

Für das musikalische Programm war erstmals der neue künstlerische Beirat verantwortlich. Dieter Falk, Nils Gropp und Reiner Witzel stellten ein hervorragendes Programm zusammen. Falk: „Die Jazz Rally war hochklassig, tanzbar, fröhlich und bunt. Sie ist in ihrem 23. Jahr jünger geworden!“ Witzel: „Dieses Festival war ein sehr schönes und rundes Event. Das Feedback der Fans zeigt uns, dass wir unser Ziel, die Rally internationaler und vielschichtiger zu machen, hoffentlich erreicht haben.“ Nils Gropp: „Auch das neue und vergrößerte Konzertzelt hat sich voll bewährt. Beim umjubelten Gig der Brand New Heavies war es mit 1.700 Fans ausverkauft!“

Ein großer Erfolg war die neu eingeführte Jam Session mit Musikern des Festivals am späten Samstagabend. Hier griff auch Klaus Doldinger, neben Oberbürgermeister Thomas Geisel einer der Schirmherren des Festivals, zum Saxophon: „Es hat mir große Freude bereitet, mit außergewöhnlichen Musikern auf der Bühne zu stehen und mit ihnen zu spielen. Der Breidenbacher Hof war hierfür der ideale Ort!“ Parallel dazu sorgte beispielsweise der Auftritt von Jesper Munk im übervollen Kommödchen für Euphorie. Neisser: „Alle, die dabei waren, hatten das Gefühl, ein absolut außergewöhnlichen Konzert zu hören. Auch Musiker wie Munk stehen für die Verjüngung des Festivals.“

Weitere Musikerlebnisse waren beispielsweise die Auftakt-Konzerte in der Rheinterrasse, die Newcomer-Gastspiele im FFT Juta (in Kooperation mit Jazz Thing), die Konzerte der Heavytones oder von Christian McBride sowie der Nachwuchspreisträger des Sparda Jazz Award.

Auch die Partner und Sponsoren waren zufrieden. Beispielsweise Daniela Balduin: Marketing der Brauerei Schlösser: „An diesem Pfingstwochenende war – im wahrsten Sinne des Wortes – Musik drin: Die Düsseldorfer Jazz Rally ist eine der herausragenden Veranstaltungen in unserer Heimatstadt, die wir gerne mit Schlösser Alt begleiten. Was uns besonders freut: Die Konzerte im Schlösser Quartier Bohème mit bekannten Künstlern wie den  Heavytones“ haben viele Gäste zum ersten Mal in unser Flaggschiff gezogen – und vielleicht kommt der ein oder andere Musikliebhaber auch zu anderen Gelegenheiten wieder einmal auf ein frisch-würziges Altbier vorbei.“

Düsseldorfer Jazz Rally 2015 startet mit sommerlichen Temperaturen und frischer Brise

Autoren: Christian Dick und Rolf Keller

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Foto: das neue Zelt der Düsseldorfer Jazz Rally auf dem Burgplatz (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: Die NDR Big Band begleitete Stefan Gwildis im neuen Zelt am Burgplatz (Aufnahme: Christian Dick)

Das neue Zelt am Burgplatz hat größere Dimensionen als das frühere und es war besser durchlüftet. Da viele Jazzfans bei dem herrlichem Wetter gerne im Freien waren, war das Zelt auch nicht extrem voll. So war es angenehm bei dem Konzert von Stefan Gwildis.

Ordentlich eingeheizt wurde den Jazzfans vor dem Brauhaus Uerige.

Der Henkelsaal im Schlösser Quartiere Bohème quoll beim Auftritt der Formation Heavytones, der Band aus der Show „TV Total“ von Stefan Raab, regelgerecht über, so dass nicht Wenige bei der sehr bemerkenswerten Darbietung dieser Band stark ins Schwitzen kamen. Der Einlass wurde nach 22 Uhr stark begrenzt, nur wenn einige Gäste den Saal verließen, wurden wieder weitere Gäste in den Saal gelassen. Ein größerer Veranstaltungssaal wäre hier besser gewesen. Alternative hätte man die Trennwand zwischen Henkelsaal und Schlösser Quartier Bohème einfach öffnen sollen, so dass das sich Publikum besser hätte verteilen können. Informationen zu dieser Band sind unter folgender Internetadresse zu finden: http://www.heavytones.de/

Nachwuchskünstler traten auf der Sparda Bühne vor dem Düsseldorfer Rathaus auf.

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Foto: Hier eine Band auf der Bühne vor dem Düsseldorfer Rathaus, die von der Sparda Bank gesponsert wird (Aufnahme: Christian Dick)

 

 

 

Meret Becker sagt Auftritt bei Düsseldorfer Jazz Rally ab

Autor: Christian Dick

Meret Becker musste ihren für Samstag, 23. Mai, im Rahmen der Düsseldorfer Jazz Rally geplanten Auftritt krankheitsbedingt zum großem Bedauern des Veranstalters des Festivals, der Destination Düsseldorf, absagen.

Das Ersatzkonzert für Meret Becker ist allerdings nicht minder hörens- und sehenswert. Es spielen Soleil Niklasson & Band, eine internationale Formation mit Spirit und Soul. Jazz, Gospel, Blues, Latin, Folk und Soul verschmelzen miteinander. Ihre Musik berührt Herz und Seele und steckt voller Kraft. Sängerin Soleil Niklasson hat bereits mit Legenden wie Stan Getz, Billy Preston und Rod Stewart zusammengearbeitet.

Als Gast wird bei diesem Konzert Dieter Falk mitwirken. Der Düsseldorfer Musikproduzent, Keyboarder, Arrangeur und Komponist ist auch im künstlerischen Beirat der Jazz Rally. 2012 wurde er vom Bundesverband Klavier zum „Klavierspieler des Jahres“ gekürt. Das Konzert findet am Samstag, 23. Mai, 19.00 Uhr, in der evangelischen Johanneskirche, Martin-Luther-Platz, Düsseldorf statt.

Kleine Sprachgeschichte von  Nordrhein-Westfalen

 

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Foto: René le Riche, Moderator der WDR-Fernsehsendung „Daheim und unterwegs“ moderierte die Vorstellung des Buches „Kleine Sprachgeschichte des Rheinlandes“ von Dr. Georg Cornelissen (rechts im Bild (Aufnahme: Christian Dick)

 

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Autoren: Dr. Ulrich Bossier und Christian Dick

Nordrhein-Westfalen fällt nicht nur wegen seines Bindestrichs in der Mitte im Reigen der sechzehn deutschen Bundesländer aus dem Rahmen. Sein Grundgebiet umfasst mehr als 34.000 Quadratkilometer, hier leben heute rund 18 Millionen Menschen: Von diesen Dimensionen her könnte Nordrhein-Westfalen alleine schon ein ansehnlicher eigenständiger europäischer Staat sein.

Am aussagekräftigsten für die Ausprägung der Kultur einer Region sind deren sprachliche Besonderheiten. Die sprachlichen Besonderheiten einer Region sagen sehr viel über den Charakter der dort lebenden Menschen aus. Wie ist es nun um Nordrhein-Westfalen in dieser Hinsicht bestellt? Wie sprechen (und schreiben) die Einwohner dieses Landes? Welcher Wandel hat sich in den fast sieben Jahrzehnten seit der Gründung dieses Bundeslandes im Jahr 1946 vollzogen? Weshalb hat beispielsweise die Zahl der DialektsprecherInnen in dieser Zeit so stark abgenommen?

Interessant ist zum Beispiel, dass bei dem aus Südtirol stammenden Kabarettisten Konrad Beikircher, wenn dieser Kölsch spricht, seine ursprünglichen Wurzeln nicht mehr erkennbar sind und er als exzellenter Rheinländer durchgeht. Anderen sogenannten „Imis“ – mit diesem Wort sind nicht etwas Immigranten gemeint, sondern Menschen, die aus anderen Regionen nach Nordrhein-Westfalen gezogen sind und versuchen die örtlichen Dialekte zu imitieren – merkt man ihre wahre Herkunft immer an. So stammte zum Beispiel der Vater des zweitgenannten Autors dieser Buchvorstellung aus dem niederbayerischen Passau. Diesem hätte man nie abgenommen, dass er Rheinländer ist, weil er, trotz über 40 Jahren in Düsseldorf und Neuss, seinen niederbayerischen Slang nie ablegen konnte. Darüber hinaus gibt es das „Bayerische“ als Dialekt per sé auch nicht, sondern stattdessen zahlreiche in Bayern gesprochene regionale Dialekte, die zum Beispiel in Niederbayern und Oberbayern völlig unterschiedlich sind. Es gibt den leicht zynischen Ausspruch „Du musst Gott für alles danken, auch für Unterfranken.“ Dies kann man genauso übrigens auch mit „Mittelfranken“ und „Oberfranken“ sagen. Die Franken erkennt man leicht an ihrem rollenden „R“ in der Aussprache. Dieses Beispiel zeigt schon wie kompliziert es ist, wenn Menschen nicht immer mit einer Zunge sprechen. Interessant ist aber das Phänomen, dass im Deutschen Fernsehen der bayerische Dialekt, zum Beispiel im Bereich Unterhaltung oder auch im Spielfilm, keineswegs ein Fauxpas ist, sondern sich vielmehr großer Beliebtheit erfreut. Das Rheinische als solches als Dialekt für das Lebensgefühl eines ganzen Bundeslandes gibt es jedoch nicht. Und so wird der Dialekt „Kölsch“ oft als Synonym für Nordrhein-Westfalen verstanden, womit allerdings zum Beispiel die unterschiedlichen Formen des Plattdeutsch am Niederrhein oder  im Ruhrgebiet gar nicht entsprechend gewürdigt werden.

Kommen wir also auf Nordrhein-Westfalen zurück. Es ist nun im Kölner Greven Verlag ein ausgezeichnetes neues Buch erschienen, das die Sprachentwicklung in diesen Bundesland in akribischer Weise unter die Lupe nimmt. Ein solches Buch gab es zuvor noch nie. Vielmehr gab es klare Trennlinien zwischen Buchautoren, die eine Vorliebe für das Rheinische hatten und Buchautoren, die das Westfälische in den Mittelpunkt stellten oder es wurde eben, der einfacheren Verständigung halber, gleich auf Hochdeutsch publiziert. Die „Kleine Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ bietet zum ersten Mal eine Gesamtdarstellung der sprachlichen Entwicklung des Raumes zwischen Rhein und Weser. Der erste Teil des Buches von Dr. Georg Cornelissen beschäftigt sich mit der sprachlichen „Vorgeschichte“, beginnt bei Franken und Sachsen im frühen Mittelalter und stellt alle wichtigen Sprachentwicklungen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor. Der Hauptteil des Werkes setzt 1946 ein, wobei das Kölsche (der bekannteste Dialekt) und das Ruhrdeutsche (als Prototyp einer regionalen Umgangssprache) jeweils eigene Kapitel bekommen. Die letzten Kapitel beschäftigen sich mit den Jahren nach der Jahrtausendwende. Wie schlagen sich „Mobilität und Migration“ in der Sprachgegenwart des Landes nieder, was bedeutet Regionalität für Fernsehsendungen, die in NRW produziert werden?

Die Dialektlandschaft zwischen Rhein und Weser taugt nicht dazu, eine Nordrhein-versus-Westfalen-Perspektive zu pflegen: Die Benrather Linie etwa, die wohl bekannteste aller „Dialektgrenzen“ in Deutschland, gliedert das Land in einen Nord- und einen Süd-Teil (Karte im Buch S. 25). Als dialektale Großregionen treten Niederfränkisch (bzw. Niederrheinisch), Rheinländisch und Westfälisch hervor, wobei das Siegerland und Wittgenstein gesondert aufzuführen wären (Karte S. 31). Sprachgeographisch ließe sich NRW also als Niederrheinisch, Rheinisch, Westfälisch ausbuchstabieren (wenn die Siegerländer und Wittgensteiner Dialekte ausgeklammert würden). Niederrheinisch und Westfälisch wurden vom Bundesland NRW unter der Bezeichnung „Niederdeutsch“ als Regionalsprachen im Sinne der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ anerkannt, das Rheinische blieb außen vor. Die Kölner stört das übrigens überhaupt nicht!

Zahlreiche Sprachbeispiele dienen der Konkretisierung der Darstellung. Farbige Sprachkarten (die ersten für das Land NRW) führen die Sprachvielfalt Nordrhein-Westfalens im wahrsten Sinne des Wortes „vor Augen“. Seine NRW-Sprachgeschichte dürfte sich nicht zuletzt als Grundlage für den Deutschunterricht in weiterführenden Schulen eignen.

Der regionale Dialekt sollte, wie dies in Baden-Württemberg vielfach der Fall ist, wieder in den Lehrplan der Schulen aufgenommen werden. Andernfalls geht in Zukunft die kulturelle Identität der Regionen immer mehr verloren. Es gibt eine bekannte Werbung „Wir sprechen alles außer Hochdeutsch“ für das Bundesland Baden-Württemberg. Ein bisschen ironisch mutet es schon an, dass dieser Werbeslogan nicht im schwäbischen Dialekt ausgedrückt worden ist. Demgegenüber ist der Satz „mir sprechen hück all dieselve Sproch“ (Wir sprechen heute alles dieselbe Sprache) aus einem bekannten Lieder der Kölner Band Blääck Föös eigentlich schon Völkerverständigung erster Güte.

Zum Autor

Dr. Georg Cornelissen ist als Sprachwissenschaftler im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn beschäftigt. Er arbeitet gern und vertrauensvoll mit seinen KollegInnen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster zusammen (in der dortigen Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens).

Georg Cornelissen

KLEINE SPRACHGESCHICHTE VON NORDRHEIN-WESTFALEN

204 Seiten mit 17 farbigen Karten

978-3-7743-0654-7

Gebunden mit Schutzumschlag, Format 13 x 21 cm, 18.90 Euro

Forschung meets Vertrieb

KVK-Messe im Düsseldorfer Congress Center

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Foto: Professor Dr. Bernd Raffelhüschen (Aufnahme: Ralf Roeb)

Betriebswirt  und Finanzberater Ralf Roeb für NRW-Depesche

Ein Tag der Versicherungsvertreter, also eben jener Branche, die sich Image-mäßig noch „hinter dem der Gebrauchtwagen-Händler an der Ortsausfahrt eines Stadtteils mit hohem Migrationshintergrund“ ansiedeln muss, wie ein Teilnehmer erklärte. Zahlreich waren sie, die Versicherungsvertreter, -vermittler bzw. –makler nach Düsseldorf gekommen, wo zum einen die Versicherungsgesellschaften neueste Produkte präsentierten und zum anderen informative, instruktive Veranstaltungen zur Fort- und Weiterbildung anstanden.

Starredner war direkt zu Anfang der aus Forschung und gestaltender Politik bekannte Professor Dr. Bernd Raffelhüschen von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, der auch für das Forschungszentrum Generationen-Verträge spricht. Sein Thema „Demographie und Wohlstand im Alter – Eine Was-wäre-wenn-Analyse“.

Es war eine schonungslos direkte und im Stil sehr „skandinavische“ Art (so Raffelhüschen im Gespräch), mit der er die Zuhörerinnen und Zuhörer begeisterte. „Die geburtenstarken Jahrgänge sind fertilitätsmäßig der größte Rohrkrepierer“, so sein erstes Statement.

Der Altenquotient in Deutschland werde bis 2036 signifikant auf 55 %  steigen. Unter den geburtenstarken Jahrgängen sei ein Drittel kinderlos, ein Drittel habe „nach einem Kind und dem Kauf eines Hundes die Familie“ für komplett erklärt, und nur ein Drittel sei unter Reproduktionsaspekten „normal“. Selbst eine optimistisch kalkulierte Zuwanderung von 200.000 pro Jahr könne das nicht ausgleichen. Kann man daran noch etwas ändern für die nächsten 30 Jahre? Nein, das sei keine Zukunft, die man noch beeinflussen könne, das sei sicher, weil die demnächst zu versorgenden Menschen schon da sind und ebenso die Beitragszahler für sie.

Ergo: Die Rentenversicherung hat ein Problem mit der ehemalig konstruierten Bevölkerungspyramide. Aber nicht nur das. Auch die gesetzliche Krankenversicherung müsse sich zunehmend auf Probleme einstellen. „Denn nicht nur so jung kommen wir nicht mehr zusammen. Auch so gesund kommen wir nicht mehr zusammen.“

Dadurch, dass wir heute „die langlebigsten Deutschen aller Zeiten“ sind und durchschnittlich mindestens 5 Jahre länger lebten als unsere Erzeuger, kämen enorme Belastungen auf die staatlichen Sozialsicherungssystems zu, natürlich auch auf die Pflegeversicherung.

Der Anspruch der geburtenstarken Jahrgänge ohne ausreichende Reproduktion an die jungen Beitragszahler von heute sei der, dass die das zahlen sollen. „Darüber werden die Jungen aber mit Ihnen reden wollen! Ganz sicher.“

Im Pflegebereich richtete Raffelhüschen den Blick vor allem auf die Damen: „In Sachen Pflege spreche ich bei vielen von Ihnen nicht von einer Pflege-Wahrscheinlichkeit, sondern von einer Garantie!“ Männer stürben immer noch früher als die Frauen. Der Staat habe in diesem Pflege-Sektor dabei schon früh eine private Verantwortung für die Vorsorge festgelegt. Von daher würden gesetzliche Leistungen auch fast nie ausreichend sein.

Raffelhüschen kommentierte auch die Rentenreform unter Gerhard Schröder: „Alles, was Sie oder Ihre Kunden daran nicht verstanden haben, meint: länger arbeiten und weniger Rente!“ Schröders Parteigenossin Andrea  Nahles, heute für Arbeit und Soziales zuständig, würde diesen insgesamt gerechten Prozess nun konterkarieren. „Die abschlagsfreie Rente mit 63 ist ein Geschenk an die Gewerkschaften.“

Raffelhüschen wertete diese Rentenreform sehr kritisch: „Diese Reform begünstigt nur bestimmt Jahrgänge, und hier begünstige sie meist nur Männer, weil Frauen in diesen Jahrgängen zumeist nicht auf 45 Beitragsjahre kommen. Außerdem lasse sie alle diejenigen hart arbeitenden Menschen außen vor, die zwar seit 45 Jahren arbeiteten, ja schufteten, aber längere Phasen von Arbeitslosigkeit erlitten hätten. Diese könnten nicht abschlagsfrei in Rente gehen, wohl aber bestens verdienende Metallfacharbeiter, die eh über ein weit überdurchschnittliches Gehalt verfügten. Die bezögen jetzt auch noch für längere Zeiten abschlagsfreie Höchstrenten, die von der Gemeinschaft getragen werden müssten: „Das kann ich nicht gerecht finden.“

Für die notwendige, bei fast allen als „to do“ anstehende private Altersvorsorge-Aufgabe  nannte Raffelhüschen eine Faustformel. Mehr könnten die Finanzwirte kaum zur Verfügung stellen. Sie lautet: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“ Ein Loblied auf die Diversifikation, die Streuung der privaten Altersvorsorge-Investionen über mehrere Anlage-Klassen. Im Übrigen sei unsere Zeit zwar eine der niedrigen Zinserträge, aber keineswegs eine mit einer insgesamt schlechten Ertragslage.  „Das Gegenteil ist der Fall! Denken Sie auch an die Ertragsentwicklung der anderen Asset-Klassen, wie Aktien und Immobilien.“

Doppelte Jubiläumsfeier in Köln

Die Jubilare

 

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Foto: Unter den Gratulanten war auch die stellvertretende Ministerpräsidentin und Schulministerin des Landes Nordrhein-Westfalen Sylvia Löhrmann, hier mit dem Kölner Alterzbischof Joachim Kardinal Meisner (Aufnahme: Andrea Matzker)

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Foto: der emeritierte Weihbischof Klaus Dick (Aufnahme: Andrea Matzker)

Autor: Christian  Dick

Der emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und der emeritierte Weihbischof Klaus Dick begehen im Mai den 40. Jahrestag ihrer Bischofsweihe. Sie feierten ihre Jubiläen am Sonntag, 17. Mai, mit einem Pontifikalamt im Kölner Dom.

Joachim Meisner wurde am 17. März 1975 zum Titularbischof von Vina und Weihbischof des Apostolischen Administrators in Erfurt/Meiningen ernannt. Seine Bischofsweihe fand am 17. Mai 1975 statt. Klaus Dick wurde am 17. März 1975 zum Titularbischof von Guzabeta und Weihbischof in Köln ernannt. Am 19. Mai 1975 wurde er zum Bischof geweiht und am 27. Februar 2003 von seinem Amt als Weihbischof in Köln entpflichtet.

 

Ein Charakterkopf und „Instinkteuropäer“

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Foto: Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments und Träger des Karlspreises 2015 (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: der Krönungssaal des Aachener Rathauses vor der Verleihung des Karlspreises 2015 (Aufnahme: Christian Dick)

Autor: Christian Dick

Dem diesjährigen Karlspreisträger Martin Schulz ist von seiner Wiege auf ein Staatsbürger par excellence. Der am 20. Dezember 1955 in Hehlrath nahe bei Eschweiler in der Städteregion Aachen geborene, über die Parteigrenzen hinweg beliebte Präsident des Europäischen Parlaments hat noch hautnah miterlebt was Grenzen zwischen europäischen Ländern bedeuten, da er in unmittelbarer Nähe zu den Niederlanden und Belgien lebte. Beeindruckend ist sein beruflicher Werdegang. Er ist gelernter Buchhändler. Im Jahre 1987 wurde er Bürgermeister der Stadt Würselen, die noch nicht einmal zehn Kilometer von Aachen entfernt ist. Damals war er mit 31 Jahren der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens. Eines ist Martin Schulz auf Grund seiner Vita immer geblieben: Ein bodenständiger Mensch, der sich als Stimme des Volkes versteht, Sonntagsreden sind nicht seine Sache. Er ist ein Mensch, für den Bürgernähe und Transparenz äußerste Priorität haben, der einen klaren Standpunkt und Rückgrat hat, wenn es um die Sache geht, und der auch deutliche Worte, strittige Themen und Konflikte nicht scheut. Am 17. Januar 2012 wählte das Europäische Parlament; Martin Schulz  den der Philosoph Jürgen Habermas als „wortmächtigen Europäer“ beschrieben hat, zum Nachfolger von Jerzy Buzek als Präsident des Europäischen Parlaments. Bereits in seiner Antrittsrede machte Schulz deutlich, dass er dazu beitragen wolle, „das Parlament als Ort der Demokratie und der kontroversen Debatte über die Richtung der Politik in der EU sichtbarer und hörbarer zu machen“. Im März 2014 nominierten die sozialdemokratischen Parteien Europas Schulz offiziell zu ihren ersten gemeinsamen Spitzenkandidaten in der Geschichte der EU.

Martin Schulz, so wurde es in den Reden von Bundespräsident Joachim Gauck und des französischen Staatspräsidenten François Hollande deutlich, hat Europa eine Gesicht gegeben. François Hollande dankte Martin Schulz für dessen besonderen Einsatz für die Deutsch-Französische Freundschaft.

Den Europa-Kritikern hält Schulz entgegen, dass nie vergessen werden darf, dass die Integration Europas Garant für Frieden, Sicherheit und Wohlstand, die Einhaltung der Menschenrechte und grenzenlose Reisefreiheit gesorgt hat. Europa ist nach Auffassung Schulz daher mehr als die gemeinsame Währung und die Schuldenkrise.

Schulz, der den europäischen Geist, wie zuvor dargelegt, quasi mit der Muttermilch aufgesaugt hat, sieht das Europäische, das er verinnerlicht hat, als „instinktiv“ an. In seiner Dankesrede stellte er fest „Als ich ein Junge war, wurde mein Vater, ein Polizist, jedes Jahr an Christi Himmelfahrt für den Schutz der Karlspreiszeremonie eingeteilt. Ich fragte meine Mutter, wo er sei, was er mache. Deshalb nahm sie mich mit zum Aachener Rathaus. Als ich damals mit meiner Mutter auf dem Marktplatz stand und Jens Otto Krag oder Joseph Luns von der Rathaustreppe winken sah, hätte ich mir niemals träumen lassen, einmal selbst Karlspreisträger zu sein.

Ich bin tief berührt, demütig und auch ein wenig stolz, als Kind dieser Region diese wichtige Auszeichnung der Aachener Bürger verliehen zu bekommen.

Viele der Karlspreisträger, die vor mir hier sprachen, waren Architekten der europäischen Einigung. Sie haben das Haus Europa gebaut. Als Nachkriegskind hatte ich das Glück, in diesem Haus aufzuwachsen und zu leben.

Als Bürger einer Grenzregion ist man so etwas wie ein Instinkteuropäer. Für uns alle, die wir nach dem Krieg in diesem deutsch-niederländisch-belgischen Dreiländereck aufgewachsen sind, in diesem europäischen Mikrokosmos, war die Erfahrung mit Grenzen prägend. Für uns alle war es eine alltägliche Erfahrung, in engen, durch hölzerne Schlagbäume markierte Grenzen zu leben. Grenzen, an denen sich lange Schlangen bildeten, wenn man am Wochenende zum Einkaufen oder zum Verwandtenbesuch rüber fuhr. Grenzen, die wegen eines Fußballspiels auch mal ganz geschlossen wurden. Wir alle haben erlebt, wie einengend Grenzen sind und wie befreiend es ist, sie zu öffnen. Kaum etwas verkörpert für mich so sehr die Errungenschaften der europäischen Einigung wie die offenen Grenzen. Dabei war die Öffnung der Grenzen doch nur der Schlusspunkt der langandauernden Überwindung von anderen Grenzen – kulturellen, wirtschaftlichen und sprachlichen.“

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Foto: Es gibt sie noch, die Begeisterung für Europa. Nach der Karlspreisverleihung jubelten Martin Schulz und den prominenten Staatsgästen auf dem Katschhof hinter dem Aachener Dom die Menschenmassen zu (Aufnahme: Christian Dick)

Klarer Verfechter europäischer Werte

Als klarer Verfechter eines Europa ohne Grenzen, der Solidarität und der kulturellen Vielfalt wandte sich Schulz mit aller Entschiedenheit gegen den wieder erstarkenden Nationalismus in Europa, dessen Bekämpfung für ihn das vorrangige Gebot der Stunde ist.

„Demokratie braucht Streit. Sichtbarkeit braucht Streit. Nicht um seiner selbst willen, sondern um zum bestmöglichen Ergebnis zu kommen. Denn Streit zeigt Alternativen“, zitiert die Begründung des Karlspreisdirektoriums den Karlspreisträger. Außerdem wird festgestellt: „Wenn Martin Schulz über sein Amtsverständnis spricht, dann wird sehr schnell deutlich, dass er von Beginn an ein Präsident sein wollte, der den Respekt der Exekutiven vor dem Parlament, wenn nötig, erstreitet, der sich anlegt, wenn die Interessen der Bürger gefährdet werden‘, und der jedem den Kampf ansagt, der ‚glaubt, man könne ein Mehr an Europa mit einem weniger an Parlamentarismus schaffen‘“.

Isolierung, Mauern und Misstrauen sind keine Antwort

„Mein Freund“, begrüßte der jordanische König Abdullah II. ibn al-Hussein, Martin Schulz zu Beginn seiner Laudatio. Isolierung, Mauern und Misstrauen seien keine Antwort auf die Gefahren, denen Europa, der Mittlere Osten und Nordafrika gemeinsam gegenüberständen. Wie Europa es gezeigt und Martin Schulz bestätigt habe, bräuchten Frieden und Wohlstand Miteinander, Partnerschaft und gegenseitige Achtung. „Hass- und Gewaltideologien“ heizten die Islamfeindlichkeit an und spielten gewalttätigen Extremisten in die Hände. Man wolle den weltweiten interreligiösen Dialog stärken. Auch bei der Abwehr des Terrorismus müsse man international agieren. In der arabischen Welt machten junge Menschen 65 Prozent der Bevölkerung aus. Fehlende Arbeit und fehlende Hoffnung machten junge Menschen zu Zielen für Radikale. Wirtschaftliche Zusammenarbeit, sei der Schlüssel – auch für junge Europäer – um Arbeitsplätze, gute Zukunftsaussichten, gefestigte Gemeinschaften und ein erfülltes Leben aufzubauen.

Martin Schulz – Stimme des Europäisches Parlaments und des Volkes

König Abdullah II. dankte Schulz für die Unterstützung des europäischen Parlaments und sein persönliches Engagement für Entwicklung. Europa spiele eine entscheidende Rolle und könne eine starke Botschaft vermitteln: „Sicherheit gibt es nur mit Frieden – und diesen Frieden gibt es nur mit Achtung und Miteinander. Diese Botschaft ist die besondere Macht des Europäischen Parlaments mit seinen Millionen Stimmen und seiner großen Stimme Martin Schulz.“ Schulz bescheinigte er zum Abschluss seiner Rede eine „herausragende Leistung“, die in herausfordernden Zeiten die ganze Welt lehre „im Dialog und in gegenseitiger Achtung voranzuschreiten.“

Am Ende gab es einen ganz besonders emotionalen Moment im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Peter Maffay sang für seinen Freund Martin Schulz sein wohl berühmtestes Lied mit folgendem für Europa geradezu symbolträchtigen Refrain:

„Über sieben Brücken musst Du geh’n,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Dieses Lied zeigt sehr gut, dass auch der europäische Integrationsprozess nicht immer ganz einfach ist. So gibt es hier viele Fortschritte, aber immer wieder auch Rückschritte. Europa, das zeigt die Historie des Integrationsprozesses des Kontinents, ist gerade an der erfolgreichen Bewältigung von Krisen ganz besonders gewachsen. Dies ist ein klarer Beleg dafür, dass der europäische Integrationsprozess die Mühe wert ist!

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Foto: Peter Maffay in Aachen (Aufnahme: Christian Dick)

Die Verleihung des Karlspreises an Martin Schulz lockte besonders viele Staatsoberhäupter, Präsidenten, Könige, Regierungschefs, Minister, Botschafter und Generalkonsule nach Aachen. Der neue Karlspreisträger erfreut sich einer außerordentlich hohen Wertschätzung. Alleine acht Staatsoberhäupter machten ihm im Krönungssaal die Aufwartung: Bundespräsident Joachim Gauck, der französische Staatspräsident François Hollande, der jordanische König Abdullah II. ibn al-Hussein, König Felipe VI. von Spanien, der finnische Präsident Sauli Niinistö, Petro Poroshenko, Staatspräsident der Ukraine, die litauische Präsidentin und Karlspreisträgerin Dalia Grybauskaité sowie die Bundespräsidentin der Schweiz, Simonetta Sommaruga.