Archiv für den Tag: Mai 16, 2015

Ein Charakterkopf und „Instinkteuropäer“

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Foto: Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments und Träger des Karlspreises 2015 (Aufnahme: Christian Dick)

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Foto: der Krönungssaal des Aachener Rathauses vor der Verleihung des Karlspreises 2015 (Aufnahme: Christian Dick)

Autor: Christian Dick

Dem diesjährigen Karlspreisträger Martin Schulz ist von seiner Wiege auf ein Staatsbürger par excellence. Der am 20. Dezember 1955 in Hehlrath nahe bei Eschweiler in der Städteregion Aachen geborene, über die Parteigrenzen hinweg beliebte Präsident des Europäischen Parlaments hat noch hautnah miterlebt was Grenzen zwischen europäischen Ländern bedeuten, da er in unmittelbarer Nähe zu den Niederlanden und Belgien lebte. Beeindruckend ist sein beruflicher Werdegang. Er ist gelernter Buchhändler. Im Jahre 1987 wurde er Bürgermeister der Stadt Würselen, die noch nicht einmal zehn Kilometer von Aachen entfernt ist. Damals war er mit 31 Jahren der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens. Eines ist Martin Schulz auf Grund seiner Vita immer geblieben: Ein bodenständiger Mensch, der sich als Stimme des Volkes versteht, Sonntagsreden sind nicht seine Sache. Er ist ein Mensch, für den Bürgernähe und Transparenz äußerste Priorität haben, der einen klaren Standpunkt und Rückgrat hat, wenn es um die Sache geht, und der auch deutliche Worte, strittige Themen und Konflikte nicht scheut. Am 17. Januar 2012 wählte das Europäische Parlament; Martin Schulz  den der Philosoph Jürgen Habermas als „wortmächtigen Europäer“ beschrieben hat, zum Nachfolger von Jerzy Buzek als Präsident des Europäischen Parlaments. Bereits in seiner Antrittsrede machte Schulz deutlich, dass er dazu beitragen wolle, „das Parlament als Ort der Demokratie und der kontroversen Debatte über die Richtung der Politik in der EU sichtbarer und hörbarer zu machen“. Im März 2014 nominierten die sozialdemokratischen Parteien Europas Schulz offiziell zu ihren ersten gemeinsamen Spitzenkandidaten in der Geschichte der EU.

Martin Schulz, so wurde es in den Reden von Bundespräsident Joachim Gauck und des französischen Staatspräsidenten François Hollande deutlich, hat Europa eine Gesicht gegeben. François Hollande dankte Martin Schulz für dessen besonderen Einsatz für die Deutsch-Französische Freundschaft.

Den Europa-Kritikern hält Schulz entgegen, dass nie vergessen werden darf, dass die Integration Europas Garant für Frieden, Sicherheit und Wohlstand, die Einhaltung der Menschenrechte und grenzenlose Reisefreiheit gesorgt hat. Europa ist nach Auffassung Schulz daher mehr als die gemeinsame Währung und die Schuldenkrise.

Schulz, der den europäischen Geist, wie zuvor dargelegt, quasi mit der Muttermilch aufgesaugt hat, sieht das Europäische, das er verinnerlicht hat, als „instinktiv“ an. In seiner Dankesrede stellte er fest „Als ich ein Junge war, wurde mein Vater, ein Polizist, jedes Jahr an Christi Himmelfahrt für den Schutz der Karlspreiszeremonie eingeteilt. Ich fragte meine Mutter, wo er sei, was er mache. Deshalb nahm sie mich mit zum Aachener Rathaus. Als ich damals mit meiner Mutter auf dem Marktplatz stand und Jens Otto Krag oder Joseph Luns von der Rathaustreppe winken sah, hätte ich mir niemals träumen lassen, einmal selbst Karlspreisträger zu sein.

Ich bin tief berührt, demütig und auch ein wenig stolz, als Kind dieser Region diese wichtige Auszeichnung der Aachener Bürger verliehen zu bekommen.

Viele der Karlspreisträger, die vor mir hier sprachen, waren Architekten der europäischen Einigung. Sie haben das Haus Europa gebaut. Als Nachkriegskind hatte ich das Glück, in diesem Haus aufzuwachsen und zu leben.

Als Bürger einer Grenzregion ist man so etwas wie ein Instinkteuropäer. Für uns alle, die wir nach dem Krieg in diesem deutsch-niederländisch-belgischen Dreiländereck aufgewachsen sind, in diesem europäischen Mikrokosmos, war die Erfahrung mit Grenzen prägend. Für uns alle war es eine alltägliche Erfahrung, in engen, durch hölzerne Schlagbäume markierte Grenzen zu leben. Grenzen, an denen sich lange Schlangen bildeten, wenn man am Wochenende zum Einkaufen oder zum Verwandtenbesuch rüber fuhr. Grenzen, die wegen eines Fußballspiels auch mal ganz geschlossen wurden. Wir alle haben erlebt, wie einengend Grenzen sind und wie befreiend es ist, sie zu öffnen. Kaum etwas verkörpert für mich so sehr die Errungenschaften der europäischen Einigung wie die offenen Grenzen. Dabei war die Öffnung der Grenzen doch nur der Schlusspunkt der langandauernden Überwindung von anderen Grenzen – kulturellen, wirtschaftlichen und sprachlichen.“

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Foto: Es gibt sie noch, die Begeisterung für Europa. Nach der Karlspreisverleihung jubelten Martin Schulz und den prominenten Staatsgästen auf dem Katschhof hinter dem Aachener Dom die Menschenmassen zu (Aufnahme: Christian Dick)

Klarer Verfechter europäischer Werte

Als klarer Verfechter eines Europa ohne Grenzen, der Solidarität und der kulturellen Vielfalt wandte sich Schulz mit aller Entschiedenheit gegen den wieder erstarkenden Nationalismus in Europa, dessen Bekämpfung für ihn das vorrangige Gebot der Stunde ist.

„Demokratie braucht Streit. Sichtbarkeit braucht Streit. Nicht um seiner selbst willen, sondern um zum bestmöglichen Ergebnis zu kommen. Denn Streit zeigt Alternativen“, zitiert die Begründung des Karlspreisdirektoriums den Karlspreisträger. Außerdem wird festgestellt: „Wenn Martin Schulz über sein Amtsverständnis spricht, dann wird sehr schnell deutlich, dass er von Beginn an ein Präsident sein wollte, der den Respekt der Exekutiven vor dem Parlament, wenn nötig, erstreitet, der sich anlegt, wenn die Interessen der Bürger gefährdet werden‘, und der jedem den Kampf ansagt, der ‚glaubt, man könne ein Mehr an Europa mit einem weniger an Parlamentarismus schaffen‘“.

Isolierung, Mauern und Misstrauen sind keine Antwort

„Mein Freund“, begrüßte der jordanische König Abdullah II. ibn al-Hussein, Martin Schulz zu Beginn seiner Laudatio. Isolierung, Mauern und Misstrauen seien keine Antwort auf die Gefahren, denen Europa, der Mittlere Osten und Nordafrika gemeinsam gegenüberständen. Wie Europa es gezeigt und Martin Schulz bestätigt habe, bräuchten Frieden und Wohlstand Miteinander, Partnerschaft und gegenseitige Achtung. „Hass- und Gewaltideologien“ heizten die Islamfeindlichkeit an und spielten gewalttätigen Extremisten in die Hände. Man wolle den weltweiten interreligiösen Dialog stärken. Auch bei der Abwehr des Terrorismus müsse man international agieren. In der arabischen Welt machten junge Menschen 65 Prozent der Bevölkerung aus. Fehlende Arbeit und fehlende Hoffnung machten junge Menschen zu Zielen für Radikale. Wirtschaftliche Zusammenarbeit, sei der Schlüssel – auch für junge Europäer – um Arbeitsplätze, gute Zukunftsaussichten, gefestigte Gemeinschaften und ein erfülltes Leben aufzubauen.

Martin Schulz – Stimme des Europäisches Parlaments und des Volkes

König Abdullah II. dankte Schulz für die Unterstützung des europäischen Parlaments und sein persönliches Engagement für Entwicklung. Europa spiele eine entscheidende Rolle und könne eine starke Botschaft vermitteln: „Sicherheit gibt es nur mit Frieden – und diesen Frieden gibt es nur mit Achtung und Miteinander. Diese Botschaft ist die besondere Macht des Europäischen Parlaments mit seinen Millionen Stimmen und seiner großen Stimme Martin Schulz.“ Schulz bescheinigte er zum Abschluss seiner Rede eine „herausragende Leistung“, die in herausfordernden Zeiten die ganze Welt lehre „im Dialog und in gegenseitiger Achtung voranzuschreiten.“

Am Ende gab es einen ganz besonders emotionalen Moment im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Peter Maffay sang für seinen Freund Martin Schulz sein wohl berühmtestes Lied mit folgendem für Europa geradezu symbolträchtigen Refrain:

„Über sieben Brücken musst Du geh’n,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.“

Dieses Lied zeigt sehr gut, dass auch der europäische Integrationsprozess nicht immer ganz einfach ist. So gibt es hier viele Fortschritte, aber immer wieder auch Rückschritte. Europa, das zeigt die Historie des Integrationsprozesses des Kontinents, ist gerade an der erfolgreichen Bewältigung von Krisen ganz besonders gewachsen. Dies ist ein klarer Beleg dafür, dass der europäische Integrationsprozess die Mühe wert ist!

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Foto: Peter Maffay in Aachen (Aufnahme: Christian Dick)

Die Verleihung des Karlspreises an Martin Schulz lockte besonders viele Staatsoberhäupter, Präsidenten, Könige, Regierungschefs, Minister, Botschafter und Generalkonsule nach Aachen. Der neue Karlspreisträger erfreut sich einer außerordentlich hohen Wertschätzung. Alleine acht Staatsoberhäupter machten ihm im Krönungssaal die Aufwartung: Bundespräsident Joachim Gauck, der französische Staatspräsident François Hollande, der jordanische König Abdullah II. ibn al-Hussein, König Felipe VI. von Spanien, der finnische Präsident Sauli Niinistö, Petro Poroshenko, Staatspräsident der Ukraine, die litauische Präsidentin und Karlspreisträgerin Dalia Grybauskaité sowie die Bundespräsidentin der Schweiz, Simonetta Sommaruga.