Forschung meets Vertrieb

KVK-Messe im Düsseldorfer Congress Center

Bernd Raffelhüschen 1_klein

Foto: Professor Dr. Bernd Raffelhüschen (Aufnahme: Ralf Roeb)

Betriebswirt  und Finanzberater Ralf Roeb für NRW-Depesche

Ein Tag der Versicherungsvertreter, also eben jener Branche, die sich Image-mäßig noch „hinter dem der Gebrauchtwagen-Händler an der Ortsausfahrt eines Stadtteils mit hohem Migrationshintergrund“ ansiedeln muss, wie ein Teilnehmer erklärte. Zahlreich waren sie, die Versicherungsvertreter, -vermittler bzw. –makler nach Düsseldorf gekommen, wo zum einen die Versicherungsgesellschaften neueste Produkte präsentierten und zum anderen informative, instruktive Veranstaltungen zur Fort- und Weiterbildung anstanden.

Starredner war direkt zu Anfang der aus Forschung und gestaltender Politik bekannte Professor Dr. Bernd Raffelhüschen von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, der auch für das Forschungszentrum Generationen-Verträge spricht. Sein Thema „Demographie und Wohlstand im Alter – Eine Was-wäre-wenn-Analyse“.

Es war eine schonungslos direkte und im Stil sehr „skandinavische“ Art (so Raffelhüschen im Gespräch), mit der er die Zuhörerinnen und Zuhörer begeisterte. „Die geburtenstarken Jahrgänge sind fertilitätsmäßig der größte Rohrkrepierer“, so sein erstes Statement.

Der Altenquotient in Deutschland werde bis 2036 signifikant auf 55 %  steigen. Unter den geburtenstarken Jahrgängen sei ein Drittel kinderlos, ein Drittel habe „nach einem Kind und dem Kauf eines Hundes die Familie“ für komplett erklärt, und nur ein Drittel sei unter Reproduktionsaspekten „normal“. Selbst eine optimistisch kalkulierte Zuwanderung von 200.000 pro Jahr könne das nicht ausgleichen. Kann man daran noch etwas ändern für die nächsten 30 Jahre? Nein, das sei keine Zukunft, die man noch beeinflussen könne, das sei sicher, weil die demnächst zu versorgenden Menschen schon da sind und ebenso die Beitragszahler für sie.

Ergo: Die Rentenversicherung hat ein Problem mit der ehemalig konstruierten Bevölkerungspyramide. Aber nicht nur das. Auch die gesetzliche Krankenversicherung müsse sich zunehmend auf Probleme einstellen. „Denn nicht nur so jung kommen wir nicht mehr zusammen. Auch so gesund kommen wir nicht mehr zusammen.“

Dadurch, dass wir heute „die langlebigsten Deutschen aller Zeiten“ sind und durchschnittlich mindestens 5 Jahre länger lebten als unsere Erzeuger, kämen enorme Belastungen auf die staatlichen Sozialsicherungssystems zu, natürlich auch auf die Pflegeversicherung.

Der Anspruch der geburtenstarken Jahrgänge ohne ausreichende Reproduktion an die jungen Beitragszahler von heute sei der, dass die das zahlen sollen. „Darüber werden die Jungen aber mit Ihnen reden wollen! Ganz sicher.“

Im Pflegebereich richtete Raffelhüschen den Blick vor allem auf die Damen: „In Sachen Pflege spreche ich bei vielen von Ihnen nicht von einer Pflege-Wahrscheinlichkeit, sondern von einer Garantie!“ Männer stürben immer noch früher als die Frauen. Der Staat habe in diesem Pflege-Sektor dabei schon früh eine private Verantwortung für die Vorsorge festgelegt. Von daher würden gesetzliche Leistungen auch fast nie ausreichend sein.

Raffelhüschen kommentierte auch die Rentenreform unter Gerhard Schröder: „Alles, was Sie oder Ihre Kunden daran nicht verstanden haben, meint: länger arbeiten und weniger Rente!“ Schröders Parteigenossin Andrea  Nahles, heute für Arbeit und Soziales zuständig, würde diesen insgesamt gerechten Prozess nun konterkarieren. „Die abschlagsfreie Rente mit 63 ist ein Geschenk an die Gewerkschaften.“

Raffelhüschen wertete diese Rentenreform sehr kritisch: „Diese Reform begünstigt nur bestimmt Jahrgänge, und hier begünstige sie meist nur Männer, weil Frauen in diesen Jahrgängen zumeist nicht auf 45 Beitragsjahre kommen. Außerdem lasse sie alle diejenigen hart arbeitenden Menschen außen vor, die zwar seit 45 Jahren arbeiteten, ja schufteten, aber längere Phasen von Arbeitslosigkeit erlitten hätten. Diese könnten nicht abschlagsfrei in Rente gehen, wohl aber bestens verdienende Metallfacharbeiter, die eh über ein weit überdurchschnittliches Gehalt verfügten. Die bezögen jetzt auch noch für längere Zeiten abschlagsfreie Höchstrenten, die von der Gemeinschaft getragen werden müssten: „Das kann ich nicht gerecht finden.“

Für die notwendige, bei fast allen als „to do“ anstehende private Altersvorsorge-Aufgabe  nannte Raffelhüschen eine Faustformel. Mehr könnten die Finanzwirte kaum zur Verfügung stellen. Sie lautet: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“ Ein Loblied auf die Diversifikation, die Streuung der privaten Altersvorsorge-Investionen über mehrere Anlage-Klassen. Im Übrigen sei unsere Zeit zwar eine der niedrigen Zinserträge, aber keineswegs eine mit einer insgesamt schlechten Ertragslage.  „Das Gegenteil ist der Fall! Denken Sie auch an die Ertragsentwicklung der anderen Asset-Klassen, wie Aktien und Immobilien.“