Archiv für den Tag: Mai 21, 2015

Kleine Sprachgeschichte von  Nordrhein-Westfalen

 

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Foto: René le Riche, Moderator der WDR-Fernsehsendung „Daheim und unterwegs“ moderierte die Vorstellung des Buches „Kleine Sprachgeschichte des Rheinlandes“ von Dr. Georg Cornelissen (rechts im Bild (Aufnahme: Christian Dick)

 

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Autoren: Dr. Ulrich Bossier und Christian Dick

Nordrhein-Westfalen fällt nicht nur wegen seines Bindestrichs in der Mitte im Reigen der sechzehn deutschen Bundesländer aus dem Rahmen. Sein Grundgebiet umfasst mehr als 34.000 Quadratkilometer, hier leben heute rund 18 Millionen Menschen: Von diesen Dimensionen her könnte Nordrhein-Westfalen alleine schon ein ansehnlicher eigenständiger europäischer Staat sein.

Am aussagekräftigsten für die Ausprägung der Kultur einer Region sind deren sprachliche Besonderheiten. Die sprachlichen Besonderheiten einer Region sagen sehr viel über den Charakter der dort lebenden Menschen aus. Wie ist es nun um Nordrhein-Westfalen in dieser Hinsicht bestellt? Wie sprechen (und schreiben) die Einwohner dieses Landes? Welcher Wandel hat sich in den fast sieben Jahrzehnten seit der Gründung dieses Bundeslandes im Jahr 1946 vollzogen? Weshalb hat beispielsweise die Zahl der DialektsprecherInnen in dieser Zeit so stark abgenommen?

Interessant ist zum Beispiel, dass bei dem aus Südtirol stammenden Kabarettisten Konrad Beikircher, wenn dieser Kölsch spricht, seine ursprünglichen Wurzeln nicht mehr erkennbar sind und er als exzellenter Rheinländer durchgeht. Anderen sogenannten „Imis“ – mit diesem Wort sind nicht etwas Immigranten gemeint, sondern Menschen, die aus anderen Regionen nach Nordrhein-Westfalen gezogen sind und versuchen die örtlichen Dialekte zu imitieren – merkt man ihre wahre Herkunft immer an. So stammte zum Beispiel der Vater des zweitgenannten Autors dieser Buchvorstellung aus dem niederbayerischen Passau. Diesem hätte man nie abgenommen, dass er Rheinländer ist, weil er, trotz über 40 Jahren in Düsseldorf und Neuss, seinen niederbayerischen Slang nie ablegen konnte. Darüber hinaus gibt es das „Bayerische“ als Dialekt per sé auch nicht, sondern stattdessen zahlreiche in Bayern gesprochene regionale Dialekte, die zum Beispiel in Niederbayern und Oberbayern völlig unterschiedlich sind. Es gibt den leicht zynischen Ausspruch „Du musst Gott für alles danken, auch für Unterfranken.“ Dies kann man genauso übrigens auch mit „Mittelfranken“ und „Oberfranken“ sagen. Die Franken erkennt man leicht an ihrem rollenden „R“ in der Aussprache. Dieses Beispiel zeigt schon wie kompliziert es ist, wenn Menschen nicht immer mit einer Zunge sprechen. Interessant ist aber das Phänomen, dass im Deutschen Fernsehen der bayerische Dialekt, zum Beispiel im Bereich Unterhaltung oder auch im Spielfilm, keineswegs ein Fauxpas ist, sondern sich vielmehr großer Beliebtheit erfreut. Das Rheinische als solches als Dialekt für das Lebensgefühl eines ganzen Bundeslandes gibt es jedoch nicht. Und so wird der Dialekt „Kölsch“ oft als Synonym für Nordrhein-Westfalen verstanden, womit allerdings zum Beispiel die unterschiedlichen Formen des Plattdeutsch am Niederrhein oder  im Ruhrgebiet gar nicht entsprechend gewürdigt werden.

Kommen wir also auf Nordrhein-Westfalen zurück. Es ist nun im Kölner Greven Verlag ein ausgezeichnetes neues Buch erschienen, das die Sprachentwicklung in diesen Bundesland in akribischer Weise unter die Lupe nimmt. Ein solches Buch gab es zuvor noch nie. Vielmehr gab es klare Trennlinien zwischen Buchautoren, die eine Vorliebe für das Rheinische hatten und Buchautoren, die das Westfälische in den Mittelpunkt stellten oder es wurde eben, der einfacheren Verständigung halber, gleich auf Hochdeutsch publiziert. Die „Kleine Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ bietet zum ersten Mal eine Gesamtdarstellung der sprachlichen Entwicklung des Raumes zwischen Rhein und Weser. Der erste Teil des Buches von Dr. Georg Cornelissen beschäftigt sich mit der sprachlichen „Vorgeschichte“, beginnt bei Franken und Sachsen im frühen Mittelalter und stellt alle wichtigen Sprachentwicklungen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor. Der Hauptteil des Werkes setzt 1946 ein, wobei das Kölsche (der bekannteste Dialekt) und das Ruhrdeutsche (als Prototyp einer regionalen Umgangssprache) jeweils eigene Kapitel bekommen. Die letzten Kapitel beschäftigen sich mit den Jahren nach der Jahrtausendwende. Wie schlagen sich „Mobilität und Migration“ in der Sprachgegenwart des Landes nieder, was bedeutet Regionalität für Fernsehsendungen, die in NRW produziert werden?

Die Dialektlandschaft zwischen Rhein und Weser taugt nicht dazu, eine Nordrhein-versus-Westfalen-Perspektive zu pflegen: Die Benrather Linie etwa, die wohl bekannteste aller „Dialektgrenzen“ in Deutschland, gliedert das Land in einen Nord- und einen Süd-Teil (Karte im Buch S. 25). Als dialektale Großregionen treten Niederfränkisch (bzw. Niederrheinisch), Rheinländisch und Westfälisch hervor, wobei das Siegerland und Wittgenstein gesondert aufzuführen wären (Karte S. 31). Sprachgeographisch ließe sich NRW also als Niederrheinisch, Rheinisch, Westfälisch ausbuchstabieren (wenn die Siegerländer und Wittgensteiner Dialekte ausgeklammert würden). Niederrheinisch und Westfälisch wurden vom Bundesland NRW unter der Bezeichnung „Niederdeutsch“ als Regionalsprachen im Sinne der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ anerkannt, das Rheinische blieb außen vor. Die Kölner stört das übrigens überhaupt nicht!

Zahlreiche Sprachbeispiele dienen der Konkretisierung der Darstellung. Farbige Sprachkarten (die ersten für das Land NRW) führen die Sprachvielfalt Nordrhein-Westfalens im wahrsten Sinne des Wortes „vor Augen“. Seine NRW-Sprachgeschichte dürfte sich nicht zuletzt als Grundlage für den Deutschunterricht in weiterführenden Schulen eignen.

Der regionale Dialekt sollte, wie dies in Baden-Württemberg vielfach der Fall ist, wieder in den Lehrplan der Schulen aufgenommen werden. Andernfalls geht in Zukunft die kulturelle Identität der Regionen immer mehr verloren. Es gibt eine bekannte Werbung „Wir sprechen alles außer Hochdeutsch“ für das Bundesland Baden-Württemberg. Ein bisschen ironisch mutet es schon an, dass dieser Werbeslogan nicht im schwäbischen Dialekt ausgedrückt worden ist. Demgegenüber ist der Satz „mir sprechen hück all dieselve Sproch“ (Wir sprechen heute alles dieselbe Sprache) aus einem bekannten Lieder der Kölner Band Blääck Föös eigentlich schon Völkerverständigung erster Güte.

Zum Autor

Dr. Georg Cornelissen ist als Sprachwissenschaftler im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn beschäftigt. Er arbeitet gern und vertrauensvoll mit seinen KollegInnen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster zusammen (in der dortigen Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens).

Georg Cornelissen

KLEINE SPRACHGESCHICHTE VON NORDRHEIN-WESTFALEN

204 Seiten mit 17 farbigen Karten

978-3-7743-0654-7

Gebunden mit Schutzumschlag, Format 13 x 21 cm, 18.90 Euro