Archiv für den Tag: Februar 29, 2016

Rhein-Meeting zum Thema „Frei sein! Wozu?“ – Vorträge und Diskussionen auf höchstem theologischen und philosophischen Niveau

Frei wozu_Klein

(Aufnahme: Christian Dick)

Pater Dr. Gianluca Carlin_Ludwig Gerhard Kardinal Müller_klein

Foto: Pater Dr. Gianluca Carlin, Vorsitzender Rhein-Meeting e. V., und der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Kardinal Müller (Aufnahme: Christian Dick)

Kardinal Müller_Weihbischof Puff_klein

Foto: Gerhard Ludwig Kardinal Müller und der Kölner Weihbischof Ansgar Puff (Aufnahme: Christian Dick)

Autor: Christian Dick

Wenn im Rheinland eine Veranstaltung zum dritten Mal in Folge stattfindet, dann ist sie Brauchtum. Dies gilt nun auch für das Rhein-Meeting der Gemeinschaft Comunione e Liberazione in Köln, das zum ersten Mal im Jahre 2014 stattfand. Comunione e Liberazione (CL), das ist Italienisch und heißt auf Deutsch „Gemeinschaft und Befreiung“. Es handelt sich hierbei um eine Bewegung in der Römisch-katholischen Kirche. Diese Gemeinschaft hat schon eine über sechzigjährige Geschichte. 1954 beendete der Mailänder Priester Luigi Giussani seine Tätigkeit als Dozent am Seminario Maggiore Ambrosiano und wurde Religionslehrer am Berchet-Gymnasium in Mailand. Auf Grund seiner großen Popularität gründeten seine Anhänger die Gioventù Studentesca („Schülerjugend“). Ende der 1960er Jahre benannte sich dies Gruppe in Comunione e Liberazione um. Zurzeit ist die Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ weltweit in ungefähr 90 Ländern aktiv. In Köln wurde 2014 der Verein „Rhein-Meeting e. V.“ unter dem Vorsitz von Pater Dr. Gianluca Carlin, der Schulseelsorger am St. Ursula-Gymnasium in Brühl und Subsidiar im Kirchengemeindeverband Kreuz-Köln-Nord ist, gegründet.  Ihm ist es wichtig, mit der Gemeinschaft CL in einer Zeit, in der Krisen und Kriege die Medien dominieren, in der es aber auch eine rege Werte-Diskussion gibt, gesellschaftspolitische  Impulse und Denkanstöße zur Einheit und Identität Europas, zum Glaubensfundament der Christen, zu Erziehung nach christlichen Wertmaßstäben, zu Menschenrechten und Menschenwürde sowie zur Freiheit und Verantwortung der Person zu geben. Das Spektrum der Themen der Gemeinschaft CL ist so vielfältig und von so großer gesellschaftspolitischer Relevanz, dass das Rhein-Meeting in Köln vom Europäischen Parlament gefördert wird.

Das dritte Rhein-Meeting fand vom 26. bis 28. Februar 2016 zum Thema „Frei sein! Wozu?“ im Kölner Maternushaus statt. An dem Treffen nahmen rund 1.000 Personen teil. Der Vorsitzende des Rhein-Meetings, Gianluca Carlin, wies zu Beginn auf das ambivalente Verständnis von Freiheit in der Gegenwart hin. Dabei erwähnte er einerseits die Aussage des französische Schriftstellers Michel Huellebec, wonach der Mensch „es satt hat, frei zu sein: es ist ihm zu mühselig“. Andererseits machten sich Tausende von Menschen auf, ließen alles zurück, um die Freiheit zu finden, ja sie seien sogar bereit, für die Freiheit ihrer eigenen Glaubensüberzeugung zu sterben.

Kardinal Müller über die „Diktatur des Relativismus“

In einem Grundsatzvortrag erläuterte der Präfekt für die Kongregation der Glaubenslehre, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, das Verhältnis von Freiheit und Wahrheit. „Die Relativierung der Wahrheit bedeutet die größte Bedrohung der Freiheit“, so Müller. Die Wahrheit des Menschen vor Gott ist der Grund seiner Freiheit in Gott, das Ziel der Freiheit jedoch ist die Liebe“, sagte der Kardinal. „Die Identität des Menschen vollzieht sich nicht in einem statischen und autarken Selbstbesitz; und sie vollzieht sich auch nicht in einem Kreisen um sich selbst und in sich selbst“. Person-Sein heiße, „Sich-selbst-überschreiten auf andere hin“.

Mit Blick auf das Verhältnis von Religion und Staat verlangte Müller einen umfassenden Respekt der Religionsfreiheit. Dies schließe auch das öffentliche Bekenntnis ein. Vom Staat verlangte er das natürliche Sittengesetz im Sinne eines dem Menschen von Gott eingeschriebenen Humanismus zu respektieren.

In einer Pressekonferenz erklärte Kardinal Müller zu dem Problem, dass viele Priester im Erzbistum Köln auf Grund großer Belastung herzkrank sind, alle Menschen müssten mit den Priestern solidarisch sein, um ihnen Last abzunehmen. Die Priester, die katholische Kirche und auch die katholischen Laien im gesellschaftlichen Diskurs hätten Gegenwind. Er plädierte in diesem Zusammenhang für eine „Entideologisierung“ in der Weise, dass nicht jeder anstreben solle, nur seine eigene Linie und seine eigenen Ziele durchzusetzen.

„Frei handeln und entscheiden – Beispiele aus der Arbeitswelt“

Stephan Neuhoff_klein

Foto: Stephan Neuhoff (Aufnahme: Christian Dick)

Der ehemalige Direktor der Feuerwehr Köln, Stephan Neuhoff, betonte in einem persönlichen Zeugnis die Bedeutung des unbedingten Angenommenseins in Christus, als Ermöglichungsgrund der Freiheit. Nur so habe er ohne Selbstüberforderung auch große Verantwortung übernehmen können. In dem Podium „Frei handeln und entscheiden -Beispiele aus der Arbeitswelt“ erklärte Neuhoff weiterhin, dass heute oft der Beruf (in seinem Fall Feuerwehr-Direktor) die Berufung (in seinem Fall Ehemann und Familienvater) überdecke. Dies habe bei ihm zu einer schweren existenziellen Ehekrise geführt. Nur auf Grund der Verkündigung der Katholischen Kirche habe er sich dann doch nicht scheiden lassen. Er unterstrich nachdrücklich, dass die Berufung eines Menschen wichtiger sei als der Beruf und dass daher der Beruf nicht alles dominieren dürfe. Er sprach in Bezug auf die Arbeit von 4 Freiheiten: 1. Freiheit gegenüber Leistungsdruck, 2. Freiheit gegenüber Anerkennung, 3. Freiheit gegenüber Erwartungen und 4. Freiheit gegenüber dem Unerwarteten, unter diesen Voraussetzungen lebe sich leichter und besser im Geiste von Jesus Christus. Früher habe er gedacht „Gott ist Richter. Und das Leben ist eine Probe“. Später habe er erfahren „Gott liebt Dich, so wie Du bist“. Dies sei auch in Psalm 40 ausgedrückt, aus dem hervorgehe, dass Gott nicht auf Wolke 7 sitze, sondern die Geschicke des Menschen führe.

„Freiheit und Identität – Gesellschaftliche Perspektiven“

John Waters 1_klein

Foto: John Waters, Kolumnist des Irish Independent (Aufnahme: Christian Dick)

Prof. Reno und Sophia Kuby_klein

Foto: Professor Dr. Russell Ronad Reno, Herausgeber der Zeitschrift First Things, New York, und Sophia Kuby, European Dignity Watch, Brüssel (Aufnahme: Christian Dick)

In diesem Podium lautete der Tenor der Diskutanten John Waters, Kolumnist des Irish Independent, und Professor Dr. Russell Ronad Reno, Herausgeber der Zeitschrift First Things, New York, dass die Menschen heute vielfach nur nach Selbstverwirklichung streben und das machen wollen, was ihnen Spaß macht, dass es den Menschen nur um Konsum und Karriere geht und sie dabei die Wahrheit, Jesus Christus, aus dem Blick verlieren. Professor Reno erklärte insbesondere mit Nachdruck „Es ist nicht einfach, nicht nur das zu tun, was wir wollen. Jesus möchte dem entgegenwirken. Wir haben heute eine Massenkultur. Die Märkte möchten, dass alle Menschen gleich sind. […] Konsum-Denken, Karriere-Denken beherrschen uns. Wir schauen sorgfältig auf unsere Gesundheit und unsere Sicherheit. Gesundheit, Wohlstand und Hedonisierung – das sind unsere Ersatz-Götter. Wir können uns dagegen wehren. Und so heißt es in Kapitel 8,38 des Römerbriefes“: 38 Denn ich bin gewiss: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe noch der Tiefe noch irgendwelche andere Kreatur, können uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Reno beschrieb die Freiheit des Christen vor allem im mutigen gesellschaftspolitischen Engagement. Die in der Beziehung zu Christus gründende Freiheit erlaube es dem Einzelnen gerade in politisch kontroversen Fragen wie dem Schutz des Lebens am Anfang und am Ende Farbe zu bekennen. Dabei gehe es weniger um das reine Argument, sondern mehr um das Zeugnis.

„Ein Beispiel ist die Aufopferung Maximilian Kolbes im KZ in Auschwitz. Maximilian Kolbe hat durch das Handeln aus seinem Glauben heraus seine Freiheit gefunden. Wir haben einen Glauben, der uns die Kraft gibt, NEIN zu sagen zu den weltlichen Mächten, zum Beispiel das Aussprechen gegen Transsexualität“, so Reno wörtlich

Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments. Der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz (SPD), hob in seinem Grußwort die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie und der Menschenrechte, insbesondere von Minderheiten hervor. In diesem Geist unterstütze das EU-Parlament das Rhein-Meeting.

Erzbischof Rainer-Maria Woelki mahnte beim Pontifikalamt am Sonntag in der Kirche Sankt Ursula die Christen, entschiedener für das Recht jedes Einzelnen auf Leben einzutreten. Dass gelte derzeit besondere für Flüchtlinge. Jeder Mensch sei von Gott geliebt und einzigartig, unabhängig von seiner Zugehörigkeit zur Nation oder Kultur. Die Christen könnten nicht hinnehmen, dass weltweit Millionen Menschen unter Krieg und Elend litten. Dabei wiederholte er auch die Worte von Papst Franziskus, dass die entfesselte Wirtschaft töte.

Der Erzbischof unterstrich, dass das Rhein-Meeting als Treffen ein Ort des Austausches und des Dialogs sei. Die Zugehörigkeit zur Kirche erlaubte es uns, anderen über die Grenze der Konfessionen und Religionen hinaus zu begegnen. Diesem Anliegen galt auch eine Dialogveranstaltung mit dem Münsteraner Islamwissenschaftler Ahamad Milad Karimi. Er äußerte sich zur Verantwortung der muslimischen Verbände in der Flüchtlingsfrage.

Jeder habe ein Anrecht auf einen Ort der Herkunft und damit der geistigen Heimat und Zugehörigkeit. Hier seien die muslimischen Verbände in Deutschland bei der Aufnahme der Schutzsuchenden gefragt.

Zum Abschluss dankte Carlin den zahlreichen freiwilligen Helfern, die das Treffen allererst ermöglicht hätten.

Ausblick

Für das Rhein-Meeting im Jahre 2017 gibt es auch schon Pläne. Es soll sich dem Thema „Ein Mensch zu sein, das interessiert mich“ beschäftigen

Weitere Information zu der Veranstaltung Rhein-Meeting und zur Gemeinsam Comunione e Liberazione sind unter folgenden Internetadressen zu finden:

http://www.rhein-meeting.org/

http://www.clonline.org/

Informationen über Comunione e Liberazione in Deutschland:

http://de.clonline.org/default.asp?id=743