Archiv für den Tag: März 29, 2016

Düsseldorfs Abgründe bergen archäologische Überraschungen in sich

Isabelle Roth_Michael Brockerhoff_klein

Foto: Illustratorin Isabella Roth und  Michael Brockerhoff, Autor des Buchs „Die Stadt der Ringe“ (Aufnahme: Christian Dick)

Autoren: Christian Dick und Dr. Ulrich Bossier

„Das Leben ist eine Baustelle“- diesen Filmtitel könnte man auf Düsseldorf bezogen geradezu wörtlich nehmen. So lästig Baumaßnahmen für die Düsseldorfer oft auch erscheinen mögen, genauso groß kann der Gewinn an Erkenntnissen sein, der daraus gewonnen wird. Und wer hätte das gedacht? Nicht nur die etwas weiter südlich am Rhein gelegene Nachbarstadt, auch für die Stadt Düsseldorf haben Ringe eine besondere Bedeutung. Warum das so ist, das wussten viele Düsseldorfer, die nicht so sehr mit der Archäologie der Stadt vertraut waren, bisher noch nicht. Bei Bauarbeiten in der Düsseldorfer Altstadt kann man feststellen, dass das Eintauchen in die Düsseldorfer Abgründe durchaus dazu führen kann, die Historie der Stadt noch tiefer zu ergründen und nicht selten überraschende Einblicke zu gewinnen, die zuvor im Verborgenen lagen. Dies war beispielsweise im Rahmen des  U-Bahn-Baus in den 1980er Jahren und von 2008 bis 2016 der Fall. Ebenso war es beim Ausbaggern des Andreasquartiers im Herzen der Altstadt. Und der Bau des Rheinufertunnels von 1990 bis 1993 führte ebenfalls zur Gewinnung neuen Wissens, das bis dato im Dunkeln lag.

Eine Darstellung von Archäologie und Forschungsbefunden im Zuge von Grabungen in Düsseldorf, die Aufschluss über die Historie der Stadt geben – das hört sich zunächst nach eintöniger Wissenschaft und gähnender Langeweile an.  Einen Überblick ganz anderer Art, der diese Thematik so vermittelt, dass man sich mal eben zwischendurch, beispielsweise in einer Pause vom Arbeitsalltag oder auch bei einer Fahrt mit der Straßenbahn damit beschäftigen  kann, ein Überblick, der noch dazu außerordentlich farbenfroh daher kommt, ist nun im Kölner Greven Verlag „Die Stadt der Ringe – Düsseldorfs Geschichte neu ausgegraben“  erschienen. Der frühere Redakteur der Rheinischen Post Michael Brockerhoff, der jahrelang in der Lokalredaktion in Düsseldorf für das Thema Stadtgeschichte zuständig war und dadurch wie kein anderer dafür prädestiniert ist, den Leserinnen und Lesern einen solchen Stoff nahe zu bringen. Und dies noch dazu in einer so spannenden Form, die einen nicht mehr los lässt, denn das Buch wartet mit vielen Überraschungen. Nach Vertiefung in dieses Buch, erscheint Düsseldorf dem Leser in ganz neuen Licht. Es wird in evidenter Weise vor Augen geführt, welche baulichen Schätze die Stadt birgt, wieviel Charme sie zum Beispiel während der Zeit Jan Wellems hatte, wie sich die Stadt bis in die heutige Zeit entwickelt hat und was heute den Reiz der Stadt ausmacht: Urige Atmosphäre an den historisch bedeutsamen Plätzen und Gebäuden in der Altstadt, wie etwa im Rosengarten hinter dem Stadtmuseum, in der Andreaskirche oder im Maxhaus in der Schulstraße, dem früheren Franziskanerkloster, gibt es genauso wie den hochmodernen Kö-Bogen.  Über sämtliche archäologischen Funde, die im Rahmen der zuvor genannten Bauprojekte zutage traten, und über deren Erforschung gibt diees Buch Auskunft. Brockerhoff hat das Umgraben an den verschiedenen Stellen im Herzen Düsseldorf in den vergangenen 30 Jahren intensiv verfolgt und war dabei nah an den Menschen, die unmittelbar hiermit beschäftigt waren. Er hat das Buch in Zusammenarbeit und wissenschaftlicher Nähe mit Forschern ausgefeilt. Das nun erschienene Endergebnis besticht insbesondere dadurch, dass es sich um ein Erzählbuch handelt, das Düsseldorf bildhaft beschreit und klar wie pittoresk das Stadtbild Düsseldorfs zur Zeit Jan Wellems war und welche schönen Oasen es noch heutige im Großstadtgetümmel gibt. Das Buch zeichent sich durch eine sehr plastische, lebendige und äußerst kurzweilige Darstellungsweise aus. Es eignet sich zum Beispiel hervorragend dazu, sich auf eigene Faust auf Entdeckungstour zu den im Buch näher unter die Lupe genommenen Orten und Bauwerken der Stadt zu begeben. Wie die Teile eines Puzzles kann man alle in dem Buch beschriebenen Orte, bei Ausgrabungen entdeckte Teile der Stadtmauer und Bauwerke einzeln nacheinander inspizieren, so dass sich am Ende ein eindrucksvolles Gesamtbild ergibt. Dabei werden selbst eingefleischte Düsseldorfer noch zum Staunen gebracht. Der Autor präsentiert verblüffende, bis dato wenig geläufige Einzelheiten, wobei ihn dieselbe Neugier und derselbe Tatendrang beim Aufspüren von neuen Aspekten anspornt, wie dies auch bei den Archäologen bei deren Forschung der Fall war.

Die archäologischen Ausgrabungen sind ein Indiz für das Wachstum der Stadt und bringen neues Licht in die Vorgeschichte von Düsseldorf, die bislang größtenteils im Verborgenen war. Sensationell sind die Belege dafür, dass die Stadt ihren Ursprung in einer  germanischen Siedlung hat: Zum ersten Mal wurde nachgewiesen, dass seit 2000 Jahren Menschen an der Düsselmündung leben. Ausgehend hiervon vollzieht sich die Entwicklung angefangen vom Dorf an der Düssel und dem sehr kleinen Gemeindegebiet nach der Stadterhebung bis hin zur noblen Residenzstadt, die dem höfischen Leben Jan Wellems zur Repräsentation diente und die die Wurzeln für die heutige Modestadt Düsseldorf gelegt hat: Düsseldorfs Stadtgebiet wurde nach und nach immer größer. Jede Periode der Ausdehnung des Stadtgebiets wurde mit einem Mauerring abgesichert. Daher kann man Düsseldorf mit Fug und Recht als eine „Stadt der Ringe“ bezeichnen. Es macht große Freude, der lebendigen Reportage des Autors darüber zu folgen, wie Archäologen auf diese Ringe gestoßen sind, und wie er beschreibt, welche Geschichte diese Mauern über all die Jahrhunderte hinweg erzählen können.

Abgerundet wird das Buch nicht etwa durch Fotos, sondern vielmehr durch farbige Zeichnungen, die diesem Werk einen Hauch von Poesie verleihen. Mit ihren freudig stimmenden Illustrationen visualisiert Isabella Roth die imposanten Befestigungsanlagen – wie etwa die Zitadelle, die sich in der Citadellstraße bei der Maxkirche befand –  in Karten. Sie führt durch Zeichnungen ausgewählter Plätze und Gebäude vor Augen, welches Gesicht Düsseldorf früher hatte. Das Zusammenspiel von Bild und Wort in dem Buch „Die Stadt der Ringe“ ist hervorragend gelungen, so dass es eine sehr abwechslungsreiche und schnell lesbare Lektüre ist.

Durch die Festungsringe hat sich der Grüne Ring Düsseldorfs vom Hofgarten über die Königsallee zum Spee’schen Graben und damit das Renommee Düsseldorfs als Gartenstadt herausgebildet. Dieser Prozess wird ebenfalls auf Basis archäologischer Spuren begreifbar, was bei einem von Michael Brockerhoff  angeregten und von Isabella Roth in fröhlichen Farben illustrierten Spaziergangs zu einem ganz besonderen Erlebnis werden kann. Nicht mindert interessant sind Teile der Mauerringe, die bis heute erhalten geblieben und besichtigt werden können. Diese historischen Zeugnisse machen Düsseldorf  zu einem regelrechten Freilichtmuseum  – was bei  dem heutigen Bild der Altstadt als Viertel zum Feiern oft in den Hintergrund gerät.

Cover_Die Stadt der Ringe

Autoren:

Michael Brockerhoff (geb. 1951) war bis 2014 Redakteur bei der Rheinischen Post. Ein Schwerpunkt seiner journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit sind die Stadtplanung und -entwicklung sowie die Geschichte seiner Heimatstadt Düsseldorf.

Isabella Roth (geb. 1967) ist seit ihrem Abschluss an der Hochschule der Künste in Berlin als Illustratorin für Verlage und Werbeagenturen tätig. Nach Stationen in Hamburg, München, Paris und London lebt die überzeugte Wahl-Rheinländerin in Düsseldorf.

Angaben zum Buch:

Die Stadt der Ringe

Düsseldorfs Geschichte neu ausgegraben

Michael Brockerhoff (Text), Isabella Roth (Illustrationen)

96 Seiten mit 24 farbigen Illustrationen

Gebunden mit Schutzumschlag, 16,7 x 24 cm

Greven Verlag

ISBN 978-3-7743-0668-4

18,90 Euro