Mehr als 100 Skulpturen von Tony Cragg im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal

Tony Cragg Porträt_klein

Foto: Ein Charakterkopf: Tony Cragg (Aufnahme: Christian Dick)

Autor:  Christian Dick

Tony Cragg – Retrospektive

Parts of the World   19. April – 14. August 2016

Diese Ausstellung ist eine Sensation und ein absolutes Novum: Das Von der Heydt-Museum würdigt aktuell mit einer imposanten Ausstellung im gesamten Haus einen einzigen Künstler, der ein Genius ist, wie ihn die Welt nur äußerst selten hervorbringt. Das Filigrane und die Formvollendung seiner Werke unterstreichen, dass diese besondere Akzentuierung von Tony Craggs Schaffen absolut ihre Berechtigung hat. Sein Werk, so wie es nun in Wuppertal zu sehen ist, hat sich seit den 1970er Jahren in einer Vielfalt entwickelt, die den Rundgang zu einem erhellenden Erlebnis auch für denjenigen macht, der die Arbeiten des in Wuppertal lebenden britischen Bildhauers schon zu kennen meint. Denn beim Betrachten der Werke entdeckt man ständig neue Facetten, die Werke lassen viel Spielraum für Interpretationen und gewiss wird jeder Betrachter dabei unterschiedliche Assoziationen haben.  Tony Cragg, so zeigte sich bei einem eineinhalbstündigen Presserundgang durch die Ausstellung, ist ein Freigeist, der nicht stur geradeaus denkt und für den die Welt nicht nur Schwarz und Weiß ist.

Tony Cragg vor seinem Werk Versus_klein

Foto: Tony Cragg vor seinem Werk Versus, geschaffen im Jahre 2012, Bronze, 56 x 61 x 22 cm (Aufnahme: Christian Dick

„Tony Cragg ist ein Weltstar der Bildhauerei. Da er seit 40 Jahren in Wuppertal lebt, ist es nur folgerichtig, dass wir ihm hier im Von der Heydt-Museum die erste große Retrospektive widmen“, sagt Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh.

Tony Cragg vor seinem Kuntwerk_klein

Foto: Tony Cragg (Aufnahme: Christian Dick)

Die Ausstellung beginnt mit Fotos seiner frühen Experimente im Umkreis von Minimal Art, Konzept Kunst, Land Art und Arte Povera. Craggs Blick ist zunächst auf die nicht nur materiell, sondern auch ästhetisch „armen“ Materialien, auf den Zivilisationsmüll des Alltags gerichtet. Die Art und Weise, wie er sie in einem Kunstwerk verwandelt, entspricht dem ganz ursprünglich menschlichen, intuitiven Bedürfnis, aus Einzelteilen ein Ganzes zu bauen, zu gestalten, zu formen. Bekannt wurde Tony Cragg zuerst für seine Wand reliefs aus buntem Plastikmüll. Der Schritt ins Dreidimensionale ergab sich notwendigerweise aus seinem Interesse an der Vielfalt der Formen, die der moderne Alltag hervorbringt. Von der Architektur bis zum Mobiliar sind sie unendlich, und Tony Cragg fügt dieser Vielfalt neue Formen hinzu. „Er ist ein Ausnahmekünstler, denn er geht immer weiter, überschreitet Grenzen, auch die der Wissenschaft“, sagt Finckh.

Neben der vorgefundenen Form ist es das Material, an dem sich der Gestaltungsdrang des Künstlers entzündet. Von Plastik über hochpolierten Edelstahl, Gips, Bronze und Glas bis zu geschliffenem Schichtholz: Jedes Material ermöglicht besondere Formen, jede Form erfordert ihr Material. Die Werke, die über die Jahrzehnte entstanden sind, hängen zusammen wie eine weitverzweigte Familie mit vielen Generationen. Jede Form ist auf der Basis der Erfahrungen, die der Künstler an der vorangegangenen gemacht hat, entstanden.

Ende der 1980er Jahre schuf er die ersten Stücke der Gruppe der „Early Forms“, denen verschiedene Gefäßformen wie Kolbengläser, Flaschen und Kanister zugrunde liegen. Bereits während seiner Arbeit in einem biochemischen Labor in den 1960er Jahren hatten ihn diese organisch anmutenden Gefäße fasziniert. Zwei der frühesten stehen in imposanter Größe heute vor dem Museumsportal. Ihre Entwicklung wird im ersten Obergeschoss vorgeführt. Ganz frische Werke, die erst im Zuge dieser Ausstellung das Atelier von Tony Cragg bzw. die Gießerei verlassen haben, markieren einen Endpunkt dieser Reihe. Es ist höchst spannend nachzuverfolgen, wie das Thema Innenform/ Außenform einerseits zu Skulpturen von großer Harmonie und Ausgeglichenheit führt, andererseits auch höchst bizarre Exemplare hervor bringt.

Ein Werk wächst aus dem anderen, so dass sich Werke zu Gruppen und Serien ordnen lassen, was sich nicht zuletzt in ihrer Titelgebung spiegelt. Parallel entstehen Einzelwerke oder nur wenige Exemplare umfassende Serien, in denen der Künstler mit unterschiedlichen Ideen der Oberflächengestaltung oder Formentwicklung spielt. Deshalb folgt die Ausstellung auch nicht einer strengen Chronologie, sondern der Entwicklung der Werkgruppen und setzt die Einzelwerke dazu in Beziehung.

Im zweiten Obergeschoss beginnt die Werkfamilie der „Rational Beings“ mit der ersten, dreiteiligen Gruppe aus Fiberglas aus dem Jahr 1995. Von einfachen Formen geht die Entwicklung zu zunehmend komplexer werdenden Gestaltungen. Wie bei den „Early Forms“, die teilweise an Urtierchen oder Moleküle erinnern, meint man in den „Rational Beings“ häufig Lebewesen zu sehen. Das Porträt und die Ganzfigur sind klassische Themen der Bildhauerei, die sich wiederfinden. Drei monumentale, so  imposant wie elegant erscheinende, farbig gefasste Säulen sind die allerjüngsten Werke dieser Gruppe und bilden einen Blickfang in einem der insgesamt 26 von Tony Cragg gestalteten Räume.

Zeichnungen und Druckgrafiken aus allen Schaffensphasen sind im Mezzanin zu sehen. Manche dienen als Entwurfszeichnungen, andere stehen als Werke für sich oder zeigen Formexperimente, die sich gar nicht in Skulpturen umsetzen lassen. Die Arbeiten belegen Tony Craggs phänomenale Kapazität als analytischer Zeichner, der die Dinge durchdringt.

Mit mehr als 100 Skulpturen und über 130 Fotografien, Zeichnungen und Druckgraphiken gibt die Retrospektive einen Einblick in das Werk eines der bedeutendsten Bildhauer unserer Zeit, wie es ihn bislang noch nicht gab.

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Verlag Buchhandlung Walther König erschienen mit Texten von G. Celant, D. Davettas, L. Cooke, U. Wilmes, C. Lampert, P. Schjeldahl, T. McEvilley, G. Finckh, J. Wood, 472 S., ca. 558 Abbildungen, Hardcover, Museumsausgabe 38 €

DIE CRAGG FOUNDATION

Einen Besuch wert ist auf Grund der dort ausgestellten Werke der Skulpturenpark Waldfrieden, der sich an den Wuppertaler Südhängen, etwa an der Grenze zwischen Barmen und Elberfeld, oberhalb des Wicküler Parks befindet. Die Gründung und Einrichtung dieses Skulpturenparks ist der privaten Initiative von Tony Cragg zu verdanken. Dreißig Jahre nach Beginn seiner Ausstellungstätigkeit suchte er nach einem dauerhaften Ausstellungsgelände für Skulptur im Freien und entdeckte das verwaiste Anwesen Waldfrieden, das er 2006 erwarb. Noch im selben Jahr begann die Umgestaltung von Parkanlage und Gebäuden, die nach langem Leerstand umfassend saniert und modernisiert werden mussten. In Wertschätzung der historischen Anlage wurden vorhandene Bausubstanz und materieller Bestand möglichst weitgehend erhalten, und trotz Umrüstung von Park und Gebäuden für die neue Nutzung blieb ihre geschichtliche Dimension bewahrt. 2008 wurde der Skulpturenpark in der Trägerschaft einer gemeinnützigen Stiftung der Familie Cragg eröffnet. Er beherbergt eine stetig wachsende Skulpturensammlung, darunter Ausschnitte aus dem umfangreichen Werk Tony Craggs. Begleitend werden in Wechselausstellungen Werke international bedeutender Künstler gezeigt, Vorträge zu kulturwissenschaftlichen Themen angeboten und Konzerte veranstaltet. Darüber hinaus ist die Cragg Foundation auch der Forschung und Publikation zur Bildenden Kunst gewidmet.

Interessante Informationen zum Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal, in dem ebenfalls ein breites Spektrum Skulpturen  von Tony Cragg sind zum einen unter folgenden Internetadressen zu finden:

http://skulpturenpark-waldfrieden.de/startseite.html

Zum anderen hat der in Wuppertal aufgewachsene Otto Hucke eine sehr interessante Bilderstrecke der Skulpturen von Tony Cragg auf seiner eigenen Internetseite präsentiert:

http://www.otto-hucke.de/40250.html

Weiterführende Informationen zum zu Von-der-Heydt-Museum  sind unter folgendem Link abrufbar:

www.von-der-heydt-museum.de