Archiv für den Tag: Oktober 23, 2016

Herausragende Gegenüberstellung der Werke von Edgar Degas und Auguste Rodin in Wuppertal

Von-der-Heydt-Museum präsentiert die Ausstellung „Wettlauf der Giganten zur Moderne“ vom 25. Oktober 2016 bis 26. Februar 2017

Sie kannten und sie schätzten sich. Sie beneideten und bewunderten einander. Ihre Werke waren Anmut und Bewegung, Körper, Raum und Zeit. Sie waren fasziniert von Pferden, von Frauen und von der Fotografie. Sie waren Außenseiter und Rebellen – und sie waren Genies. In einem Wettlauf hin zur Moderne warfen Edgar Degas und Auguste Rodin Regeln und Normen über Bord, erfanden das wegweisende Neue. Anfangs verspottet, waren sie am Ende hoch verehrt. Sie starben im selben Jahr, 1917, – kurz nacheinander. Ohne sie wäre die Moderne nicht denkbar.

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Auguste Rodin, Tanzstudie F um 1911, 1952 (Gussdatum), Bronze, Sandguss, 33 x 22,5 x 20,6 cm, Musée Rodin, Paris, Foto: Christian Baraja

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Edgar Degas, Drei Tänzerinnen (blaue Röcke, rote Mieder) um 1903, Pastell auf Papier auf Karton, 94 x 81 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, Foto: Peter Schibli, Basel

Das Faszinierende an dieser Ausstellung: Noch nie wurden die Werke von Degas und Rodin in einer Ausstellung so umfassend nebeneinandergestellt, miteinander konfrontiert, diskutiert wie jetzt. Nach Renoir, Monet, Sisley und Pissarro zeigt das Von der Heydt-Museum Wuppertal – nun zum ersten Mal – die zwei Giganten des Impressionismus im Wettstreit um das Neue in der Kunst. Die Schau im Von der Heydt-Museum sucht nach strukturellen Vergleichbarkeiten, nach Übereinstimmungen im Werk der beiden ganz Großen, danach, was sie beide gleichermaßen bewegt und zu bedeutenden Protagonisten der Moderne gemacht hat. Sie umfasst 250 Exponate aus rund 40 Museen.

„Mon cher Rodin – Mein lieber Rodin“, beginnt ein undatierter Brief von Edgar Degas an Auguste Rodin. Der Brief ist das einzige bekannte Dokument, das beweist, dass die beiden Künstler sich kannten. Es begrüßt den Besucher der Ausstellung „Degas & Rodin – Wettlauf der Giganten zur Moderne“ im Von der Heydt-Museum. Aber im Paris des 19. Jahrhunderts gab es natürlich viele Gelegenheiten für die Künstler, sich zu begegnen. So weiß man aus Erzählungen, dass beide sich bei Abendessen in den Häusern von Monet und Ernest Chausson trafen. Da Degas und Rodin bereits von Zeitgenossen in ihren Werkern miteinander verglichen wurden, zeigt die Ausstellung in einem Rundgang durch zwölf Räume, worin sich die beiden Künstler ähnelten und worin sie deutlich unterschiedliche Wege gingen.

„Der Todestag beider Künstler jährt sich im nächsten Jahr zum 100. Mal. Das war für uns ein Anlass, die Werke von Degas und Rodin näher zu betrachten und sie in Beziehung zueinander zu setzen; denn noch nie hat eine Ausstellung die Werke der beiden Künstler miteinander konfrontiert“, sagt Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh, der die Ausstellung kuratiert hat. Insgesamt sind rund 270 Werke zu sehen, 100 von Rodin, 90 von Degas und 80 anderer Künstler der Zeit.

Die Ausstellung beginnt mit dem Frühwerk der beiden Künstler. Rodin, der aus einfachen Verhältnissen stammte, absolvierte eine Bildhauerlehre und arbeitete als Bauplastiker. Sein Frühwerk ist noch vom sogenannten „3. Rokoko“ beeinflusst. Danach entstanden fein gearbeitete Porträtbüsten seines Vaters und des Père Eymard. Edgar Degas dagegen war adeliger Abstammung, sein Vater ein wohlhabender Bankier. Er konnte deshalb nach dem Studium nach Italien reisen, wo er die Familie besuchte und Studien nach Werken von Michelangelo, Botticelli und anderen anfertigte.

Raum 2 ist Rodins „Porträt des Mannes mit der gebrochenen Nase“ gewidmet. Dieses Porträt nach einem einfachen Arbeiter, der mit seiner gebrochenen Nase an Michelangelo erinnert, wurde beim Pariser Salon 1864 abgelehnt. Der Jury entging, dass Rodin etwas völlig Neues geschaffen hatte: eine impressionistische Plastik. Er hatte sich von der glatten Großflächigkeit der klassizistischen Plastik abgewandt und durch feine Tonklümpchen eine unruhige Oberfläche geschaffen, die das Licht gebrochen zurückwirft. Alles wirkt lebendig und bewegt. Das verbindet ihn mit den Malern des Impressionismus, die in der Abkehr vom klassizistischen Ideal die Farbe ebenfalls pastos auftrugen.

Für beide Künstler spielte die Fotografie eine große Rolle. Beide nutzten die neue Erfindung, sei es, dass sie nach fotografischen Vorlagen arbeiteten und sich so Modelle sparten, sei es, dass sie selbst wie Degas Fotos von Freunden und Bekannten machten, sei es, dass sie sich fotografieren ließen oder die Fotos überzeichneten und so zu neuen Werken Ideen entwickelten, wie Rodin.

In Raum 4 lässt sich nachvollziehen, warum Eadweard Muybridges Erfindung der Reihenfotografie so großen Einfluss auf die Künstler der Zeit hatte. Seine mit zwölf, 24 oder 36 Kameras gemachten Aufnahmen von galoppierenden Pferden oder von Menschen in Bewegung revolutionierten das Sehen und die Darstellung von Bewegung in der Bildenden Kunst. Wie Degas und Rodin das neue Medium nutzten, ist in Raum 5 zu sehen, der sich thematisch mit Pferden und Reitern beschäftigt. Beide Künstler schufen Pferde und Reiter in Bewegung, sei es als Skulptur, Bild oder Zeichnung. Beide fertigten Skizzen von Details etwa der Beine von Pferden an.

Landschaften spielten im Werke der beiden Künstler keine so große Rolle. Einige Beispiele sind in Raum 6 zu sehen. Degas konstruierte seine Landschaften genau und fast schon mathematisch, während sich Rodin eher an Vorbildern der Schule von Barbizon orientierte.

Die Werke beider Künstler sorgten für Skandale. Beide gingen jedoch mit Kritik sehr unterschiedlich um. Rodins unter dem Titel „Der Besiegte“ ausgestellte Gipsplastik eines nackten, verwundeten Soldaten stieß auf Kritik: Es hieß, er habe einfach nur sein Modell abgeformt. Doch Rodin wehrte sich, Freunde unterstützten ihn, und vor einem Ehrengericht wurde festgestellt, dass es sich dabei nicht um einen Abguss, sondern eine eigenständige Plastik handelte. Später errang Rodin mit dieser Plastik, nun in Bronze gegossen und mit dem Titel „Das eherne Zeitalter“ versehen, großen Ruhm, so dass der Staat sie kaufte. Degas‘ „Tänzerin von 14 Jahren“, die zusammen mit Zeichnungen von Verbrechern gezeigt wurde, stieß auf vehemente Ablehnung. Man warf Degas vor, da man glaubte, aus der Physiognomie das Wesen eines Menschen ablesen zu können und da man das Gesicht des Mädchens so hässlich befand, er habe eine zukünftige Prostituierte oder gar Verbrecherin porträtiert. Zitate an der Wand belegen diese Kritiken. Degas reagierte anders als Rodin: Er zog sich zunehmend verbittert zurück. Seine vielen kleinen Plastiken von Pferden, Tänzerinnen oder sich pflegenden Frauen stellte er nie öffentlich aus. Erst nach seinem Tod wurden sie in Bronze gegossen.

Tänzerinnen als Modelle waren im 19. Jahrhundert nicht üblich, ihrem Beruf haftete etwas Anrüchiges an. Beide Künstler interessierten sich jedoch für Tanz und Bewegung. Degas durfte schon früh Proben der Pariser Oper besuchen oder sich hinter den Kulissen aufhalten. In seinen Plastiken wandte er sich vom klassizistischen Ideal der glatten, geschlossenen Oberfläche ab und schuf wie Rodin mit Tonklümpchen unruhige Oberflächen, also impressionistische Plastiken, und führte die Gesichter teilweise gar nicht aus. Rodin entdeckte den Tanz erst später für sich. Er setzte sich Anfang des 20. Jahrhundert mit den Posen des Ausdruckstanzes auseinander, der damals aufkam. Auch außereuropäischer Tanz interessierte ihn, zu sehen in den Aquarellen von kambodschanischen Tänzerinnen.

Raum 9 thematisiert Nähe und Distanz, wobei es wiederum Übereinstimmungen im Umgang mit der Intimität bei beiden Künstlern gibt. Während bei den Tänzerinnen der erotische Aspekt weniger eine Rolle spielte, nimmt der voyeuristische Blick in den Arbeiten auf Papier bei beiden Künstlern eine zentrale Rolle ein. Um ihm zu begegnen, schufen sie Distanz zwischen Modell und Betrachter. Degas platzierte vor den sich waschenden oder sich kämmenden Frauen einen Gegenstand oder ein Möbelstück, das den Blick auf Abstand hält und so eine Art Schutzzone ergibt. Rodins Zeichnungen wirken ausschnitthaft, auch weil die Körper häufig vom Bildrand überschnitten sind. In Rodins Skulpturen ergibt sich durch unterschiedliche Materialien von Figur und Umgebung ein Schutzraum, der die sensible Darstellung zu behüten scheint.

Der letzte Raum der Ausstellung zeigt, wie beide Künstler den Weg in die Moderne vorbereiteten. Beide nutzten Teile von früheren Kunstwerken, um Neues entstehen zu lassen. So arbeitete Rodin Teile seiner Skulptur eines Heiligen Johannes in den „Schreitenden Mann“ um, den er auf Rumpf und Beine reduzierte. Mit dem absichtsvollen Nicht-Vollenden, dem Non-finito, und der bewussten Zerstückelung eröffnete er eine neue Möglichkeit, die weit ins 20. Jahrhundert ragt. Degas wiederum arbeitete zum Teil collagenhaft, schnitt seine Figuren ab oder ergänzte einzelne Motive um Elemente, die er anklebte, und verlieh ihnen so eine andere Räumlichkeit.

Am Ende ihres Lebens hatte sich die Situation der beiden Künstler umgekehrt. Rodin war äußerst berühmt geworden, die Kunden mussten bei ihm „Schlange stehen“, und er wurde sehr wohlhabend und genoss seinen Ruhm, der mit vielen Ausstellungen und Ehrungen verbunden war. Degas dagegen, der fast erblindet war, zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück und führte ein eher einsiedlerisches Leben. Erst 1911 widmete ihm ein amerikanisches Museum eine erste Einzelausstellung. Bei aller Unterschiedlichkeit nach Herkunft, Ausbildung, Temperament, finden sich aber im Werk beider doch Gemeinsamkeiten: die anfängliche Faszination durch Antike, Renaissance und Italien, die Begeisterung für die Fotografie als einem Medium, das ganz neue Möglichkeiten eröffnete, das Interesse an den Menschen der „Unterschicht“, Büglerinnen, Wäscherinnen, Tänzerinnen, auch an „Hässlichen“ (etwa in der „Maske des Mannes mit der gebrochenen Nase“, der „ehemals schönen Helmschmiedin“ oder an der „Tänzerin mit 14 Jahren“), an der conditio humana, an einer neuen Art der Bildhauerei, einem neuen „modèle“, der „impressionistischen“ Plastik, die sie erfanden, an der Bewegung, wie sie in den Pferden und Tänzerinnen im Gegensatz zum steifen Klassizismus zu Tage tritt, ihr Interesse an weiblicher Nacktheit ohne mythologische Verbrämung, ihr Weg zu Torsierung und Assemblage und ihr Versuch, gemäß der Forderung „il faut être de son temps“ („man muss seine eigene Zeit leben“) ihre Gegenwart in die Kunst zu überführen.

Beide starben 1917. Mit ihrer Kunst, die unterschiedlich ist und doch auch immer wieder erstaunliche Parallelen aufweist, erweiterten sie die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die von den nachfolgenden Künstlern der „klassischen“ Moderne aufgegriffen wurden. Rodin und Degas stießen für sie die Tore auf zu einer ganz neuen Kunst.

Weiterführende Informationen zu dieser imposanten Ausstellung bieten die folgenden Quellen:

Im Verlag Kettler ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen, Herausgeber: Dr. Gerhard Finckh, Autoren: Dr. Marlene Baum, Cyrielle Durox, Dr. Alexander Eiling, Dr. Gerhard Finckh, Dr. Lukas Gloor, Dr. Nicole Hartje-Grave, Dr. Stefan Lüddemann, Aline Magnien, Dr. Anne Mitzen, Anne Pingeot, Dr. Ulrich Pohlmann und Dr. Arist von Schlippe.  Der Preis beträgt 25 Euro.

„Giganten der Moderne“ – ein Film von Ralph Goertz zum Preis von 17,50 Euro

www.degas-rodin-ausstellung.de

Telefonnummer des Von-der Heydt-Museums: 0202 563 6231

Öffnungszeiten

Dienstag + Mittwoch 11-18 Uhr

Donnerstag + Freitag 11-20 Uhr

Samstag + Sonntag 10-18 Uhr

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