„Ein denkendes Herz“

Autor: Christian Dick

Foto, copyright: Christian Dick

Dieser Buchtitel der italienischen Schriftstellerin Susanna Tamaro wurde als Überschrift des sechsten Rhein Meeting der Gemeinschaft Communione e Liberazione gewählt, das vom 22. bis 24. März 2019 im Maternushaus in Köln stattfand. „Ein denkendes Herz“, das war auch der innigste Wunsch von Etty Hillesum, einer jungen Frau, die 1943 in Ausschwitz-Birkenau umgebracht wurde. In intensiven Auseinandersetzungen mit sich selbst und ihren Umständen im Konzentrationslager gelangte sie zu immer größerer Gewissheit über Gott und das Leben und wünscht sich für ihre Mitmenschen „das denkende Herz der Baracke“ zu werden. Im Rahmen des Rhein Meeting fand daher auch eine Lesung aus der Tagebüchern der Etty Hillesum statt, die sehr beeindruckend war.

Foto: Sie waren auch beim Rhein Meeting: der Generalvikar des Erzbistums Köln Dr. Markus Hofmann, der Direktor des Theologenkonvikts „Collegium Albertinum“ Romano Christen und Weihbischof Ansgar Puff (Aufnahme, copyright: Christian Dick)

Foto: Franz Müntefering (Aufnahme, copyright: Christian Dick)

Bei seiner Thronbesteigung richtete der biblische König Salomon an Gott die folgende Bitte: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Könige 3,9). Benedikt XVI. verwies in seiner Rede im Deutschen Bundestag gerade auf dieses hörende Herz, das notwendig ist, um zu einem Urteil in der Politik zu gelangen: Zum Thema „Urteilen und Entscheiden in der Politik“ wurde der ehemalige deutsche Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) interviewt. „Gibt es in der Politik heute noch den Raum, dass das eigene Herz mitdenken kann?“ Auf diese Frage antwortete Müntefering, dass um Solidarität und Nächstenliebe gehe. „Wenn man Entscheidungen treffen will, muss man die Materie kennen“, fügte er hinzu. Dabei komme es auf „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ an. Gerechtigkeit versuche der Staat herzustellen, aber Solidarität könne nicht verordnet werden. „Abgeordnete müssen entscheiden auf der Basis von Kompetenz und Verantwortung“, so Müntefering.

Zu den „Fridays-for-Future“-Protesten, zu denen die Klima-Aktivistin Greta Thunberg Tausende lockt, merkte Müntefering an “Die Rettung der Welt, die Zukunft, hängt davon ab, dass die Menschen gemeinsam handeln. Das ist nicht der Fall. Darauf machen die jungen Leute aufmerksam. Wir sind heute die Subjekte, die die Macht haben, die Welt auch zerstören zu können. Ich verstehe die jungen Menschen sehr gut, ihre Mahnung. Die leben ja noch länger als wir.“

Müntefering zitierte im Folgenden Willy Brandt, der am 15. September 1992 gesagt hat „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum — besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Die Nächstenliebe hat Müntefering, der aus dem Sauerland stammt, von seiner Mutter gelernt. Er zitierte die Worte des Apostels Paulus an die Korinther „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Seine Mutter, so Müntefering, habe immer Kriegsversehrte ins Haus gelassen und diesen einen Teller Suppe oder ein Butterbrot gegeben.

Hören und sehen, denken und Verstehen  – Yvonne Hofstetter und Prof Andreas Rödder über die Auswirkungen der Digitalisierung.

Foto: Yvonne Hofstetter (Aufnahme, copyright: Christian Dick)

Yvonne Hofstetter ist bekannt als Essayistin und Sachbuchautorin. Seit Abschluss des Jurastudiums arbeitet sie für verschiedene Softwareunternehmen, die sich mit Multiagentensystemen für die Rüstungsindustrie und mit Automatisiertem Handel beschäftigen. Seit 2009 ist sie Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH, die auf den Feldern Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und BigData arbeitet. Yvonne Hofstetter beschäftigt sich mit den Folgen und Herausforderungen der digitalen Welt für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Neben zahlreichen Artikeln veröffentlichte sie 2014 das Buch „Sie wissen alles– Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“ und 2016 „Das Ende der Demokratie – Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“.

Foto: Professor Dr. Andreas Rödder (Aufnahme, copyright: Christian Dick)

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Nach dem 1. Staatsexamen zum Lehramt am Gymnasium in den Fächern Geschichte und Germanistik promovierte er in Bonn und habilitierte sich dann in Stuttgart im Bereich Geschichte. Neben Dozententätigkeit in den USA und an diversen deutschen Instituten, sowie einer Gastprofessur in England lehrt Rödder als ordentlicher Professor in Mainz. Andreas Rödder ist Mitherausgeber der Historischen Zeitschrift. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a. „Deutschland einig Vaterland“ (2009), „21.0 Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018).

„Die Technologien sind nicht neutral. Sie können für gute oder schlechte Dinge verwendet werden, aber sie sind nicht neutral“, hob Yvonne Hofstetter in ihrem Vortrag hervor.

Prof Andreas Rödder betonte „Es ist wichtiger denn je eine Urteilsfähigkeit fällen zu können, anstatt alles über die modernen Technologien wissen zu müssen.“

Vortrag zum Thema „Ein denkendes Herz“

Foto: Mauro-Giuseppe Lepori, Generalabt des Zisterzienserordens (Aufnahme, copyright: Christian Dick)

Auf die Bitte, die der biblische König Salomon bei seiner Thronbesteigung an Gott richtete, nahm der Generalabt des Zisterzienserordens Mauro-Giuseppe Lepori in seinen Vortrag „Ein denkendes Herz“ Bezug. König Salomo sagte: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Könige 3,9). Mauro-Giuseppe Lepori  erklärte „Das Geheimnis des Herzens ist wahrhaftig groß. Jesus sagt den Leuten: was für Gedanken habt ihr in euren Herzen? Lassen wir zu, dass Jesu Wort unser Denken und unsere Wünsche in Frage stellt. Jesu fordert uns zur Belehrung auf. Das heißt unsere Mentalität zu ändern.“

Lepori hob abschließend hervor „Ein denkendes Herz spitzt das Ohr und vernimmt das Stöhnen, das niemand hört. Wie sehr würde sich unser Leben und das Leben der ganzen Gesellschaft verändern, wenn jeder von uns ein aufmerksames Ohr hätte, um den Menschen zu hören, der im Stillen  neben uns weint, und wenn wir diesem Wimmern eine Stimme geben würden, um die Aufmerksamkeit, unser Gehör, unser Denken und somit unser Herz weit zu machen.“

„Sich begegnen“

Foto: Bruder Andreas Knapp (Aufnahme, copyright: Christian Dick)

Zu diesem Thema referierte Bruder Andreas Knapp, Mitglied des Ordens Kleine Brüder vom Evangelium. Gegenstand seines Vortrags war seine Freundschaft mit den neuen irakischen Nachbarn. Andreas Knapp lebt seit vierzehn Jahren mit seinen Ordensbrüdern in einer Plattenbausiedlung in Leipzig-Grünau. Diese 1956 gegründete Ordensgemeinschaft orientiert sich an dem französischen Priester Charles de Foucauld (1858-1916) und will bewusst am Rand der Gesellschaft leben. Vor der Wende lebten in Leipzig-Grünau 96000 Menschen. Nach der Wende sind 40000 Menschen dort weggegangen. Vor vier Jahren sind dann neue Nachbarn in die Siedlung eingezogen, es handelte sich um Flüchtlinge aus dem Irak. Von ihnen erfuhr Andreas Knapp von der Situation der Christen im Orient. Fahdi, ein Christ aus Mossul, hat Andreas Knapp dann zum Abendessen eingeladen und ihm von seiner sehr gefährlichen Flucht aus dem Irak berichtet. Fahdis Vater war Architekt und hatte die Kirche in Karakosch, einer Stadt, die 32 Kilometer entfernt von Ninive ist, erbaut. In Mossul hatten vor einigen Jahren noch 60000 Christen gelebt. Diese seien laut Knapp vor die Wahl gestellt worden, zum Islam überzutreten oder wegzugehen. Sie gingen nach Karakosch. Dort wurden sie auch vom IS vertrieben  und gingen dann nach Kurdistan, dies dauerte zwei Wochen und fand im August bei 45 Grad Celsius im Schatten statt. Schließlich wurde Andreas Knapp zu einer Reise in den Irak animiert. Das Fazit von Andreas Knapp lautet, dass man gerade den verfolgten orientalischen Christen helfen müsse, da diese keine Lobby hätte.

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Susanna Tamaro

„Alle Bücher, die ich geschrieben habe, sind Reisen in die Tiefe des menschlichen Herzens.“ Dieses Zitat stammt von der italienischen Schriftstellerin Susanna Tamaro. Sie hat unter anderem die Bücher „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ (1995) und „Ein denkendes Herz“ (2016) geschrieben.

Zum Abschluss des Rhein Meeting 2019 stand Susanna Tamaro Rede und Antwort. Sie erklärte „Das Herz ist eine Leitmotiv all meiner Gedanken. Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich eine solche Büchse aufdecken würde. Je erfolgreicher das Buch wurde, umso schwerer war diese Last auf meinen Schultern. Ich musste mir die Frage stellen ‚Was ist beängstigend an diesem Herzen?‘ Es handelt sich um eine Verherrlichung des Sentimentalismus in dieser Zeit. Es geht immer um Gefühle, nie eine Ideologie. Sie sind die grundlegende Wirklichkeit der Menschheit. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns zwingt, rationale Vernunft zu sein. Der mittlere Teil des Körpers wird nicht mehr bedacht von der Kultur. Das Herz ist immer im Mittelpunkt des menschlichen Diskurses.“

Was ist im Herzen drinnen? Wer tut Inhalt da hinein?

Susanna Tamaro merkte auf diese Frage Folgendes an „In den Tiefen unseres Herzens erklingt eine leise Stimme, eine bewusste Stimme. Ihr ist es bewusst, dass zwischen Bösem und Gutem unterschieden wird. Das irritiert die postmoderne Gesellschaft, es gibt etwas, das nicht von uns abhängt. Das Herz ist der Ort, an dem große Kämpfe in uns ausgetragen werden. Kämpfe zwischen Licht und Schatten, zwischen Bildung und Schöpfung. Es gibt keinen Dialog mit dem Herzen, wenn wir nicht in der Lage sind, zuzuhören. Heilige werden oft mit großen Ohren dargestellt. Die erste Tugend zur Heiligkeit ist das Zuhören, sich allmählich von den Schatten zu befreien. Wir sehen das bei der Empfängnis-Struktur des Menschen, der Fötus – das Erste, was sich vollständig bildet, sind die Ohren. Das sollte uns erinnern, das wir körperlich so geschaffen werden, um Antennen zu sein. Wenn wir ständig Kopfhörer tragen, können wir nicht mehr zuhören. Wir hören nur das, was wir entscheiden, was wir hören wollen. Es gibt keine Möglichkeit der Begegnung, wenn die Ohren nicht offen sind. Wenn ich ständig auf mein Tablet oder Smart Phone fixiert bin, dann bin ich nicht in der Lage, die Wirklichkeit zu sehen.

Moses sah das Feuer. Er hatte eine Vision. Wir haben den Verfall der heutigen Gesellschaft, wir müssen  dem Menschen seine Sinne zurückgeben, die Sinne der Wahrnehmung. Dadurch erlangen wir auch die Gewissheit, dass wir uns wieder darauf fokussieren werden, dass es immer zwei Neigungen im Herzen gibt, zum Guten und zum Bösen. Wir haben die Wahlfreiheit.“