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Gesellschaft im Umbruch

 

Foto: Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (Aufnahme: Christian Dick)

Welches sind die gesellschaftspolitischen Herausforderungen? Wo ist ein Umdenken in Staat und Kirche notwendig? Und: Welche Fortschritte brauchen wir? Diese Fragen erörterte Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, im Rahmen eines Vortrags beim Bundes Katholischer Unternehmer in Köln.

In Deutschland gebe das Problem der Realisierung von Infrastrukturprojekten. Seit Stuttgart 21 sei die Rede von einer „Gegenbewegung“ und von „Wutbürgern“. Man habe den Eindruck, es entwickele sich eine Stimmung des „Dagegen“, so Glück. Er verwies auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Mappus, demzufolge eine andere Teilhabe der Bürger notwendig sei.

Deutschland habe zwar im August 2010 ein unerwartetes gutes Wachstum erlebt, aber einer Studie zufolge seien psychischen Erkrankungen der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Viele Menschen spürten den menschlichen Preis für die Veränderungen der Arbeitswelt. Der Sozialstaat, so Glück, werde immer mehr ein „Reparaturbetrieb“. „Wir arbeiten nicht mehr, was unsere Art zu leben kostet“, merkte er an.

Glück ging auch auf die im Jahre 2010 zutage getretenen Mißbrauchsfälle in der Katholischen Kirche in Deutschland ein. Hier sei der Umgang der Kirche zuerst so gewesen, dass nicht die Opfer, sondern der Schutz der eigenen Institution im Mittelpunkt gestanden hätte. In dem Lernprozess der Kirche seien dann die Opfer in den Mittelpunkt gerückt. Er sieht die Kirche nun vor einer Wegzweigung in drei Richtungen: 1.) Resignation, 2.) der Haltung „Was macht es, wenn wir weniger werden und haben dafür kleinere Gemeinden mit Strahlkraft“. Dies sei ein Verrat am Missionsauftrag der Kirche. 3.) ein neuer Aufbruch. „Das Evangelium muss den Menschen zugänglich gemacht werden. Das bedingt, vom Menschen her zu denken. Vielfach ist von der Kirche eine Sprache benutzt worden, die von den Menschen nicht verstanden worden ist. Man muss zunächst die Menschen ernst nehmen, die Vertrauen verloren haben“, so Glück. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen hat seiner Ansicht nach auch die Auflösung von verbindenden Milieus stattgefunden. Während früher diejenigen aufgefallen seien, die nicht in die Kirche gingen, so fielen heute diejenigen auf, die in Kirche gingen. „Die Kirche muss sich damit auseinandersetzen, warum wir so wenig Menschen erreichen“, unterstrich Glück. Der Kern des christlichen Glaubens sei Gott, der sich über Christus als ein grenzenlos, bedingungslos liebender Gott mitgeteilt habe. Dies müsse klargemacht werden. „Wenn wir zu einem neuen Aufbruch kommen wollen, ist es wichtig, zu einer anderen Gesprächskultur in der Kirche zu kommen“, hob der ZdK-Präsident hervor. Er zitierte Peter Seewald, der festgestellt hat „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Die Kirche müsse die Vielfalt bejahen und ansprechen. Die neue innere Strahlkraft werde wesentlich von der geistlichen Strahlkraft der Kirche abhängen. Bestimmte Themen, so Glück, dürfte nicht mehr tabuisiert werden. Wenn zum Beispiel in Bezug auf Sexualität 90 Prozent der Menschen anders lebten, als nach der Doktrin der Kirche, so müsse man sich damit auseinandersetzen.

Foto: Alois Glück wurde derselbe Karnevalsorden überreicht, den auch Papst Benedikt XVI. erhalten hat. Rechts im Bild: Fritz Roth, Vorsitzender des BKU Köln (Aufnahme: Christian Dick)

Autor: Christian Dick